Interview mit Sonni Höhnscheid5.Internationaler Murbreak Surf Contest

Ein Tag am Meer

von Matthi

Writer: Livia Müller

Writer: Livia Müller

Was geht dir durch den Kopf beim Gedanken, das zu tun, wovon du schon immer geträumt hast? Stell dir vor: Monatelang sitzt du im Trocknen, kommst nicht zur Ruhe, weil der Drang, die Sehnsucht nach dem Erlebnis in dir so gross ist! Und plötzlich bist du deinem Ziel so nahe! Bald wird es Wirklichkeit! Ich bemerke, welch innere Freude und zugleich riesige Aufregung mich überkommt, wie mein Herz zu hüpfen anfängt, wenn ich die Sätze nur in den Mund nehme: «Ich werde surfen gehen!»

Nicht gerade erfreut bin ich, wie mir Lando mit breitem Grinsen fast schon schadenfreudig den grauen Neoprenanzug entgegenhält. «Hier, der is für dich! Is der kleinste den wir hier ham. Zieh mal an, ich glaub der passt schon­­. Den kannste anzieh’n wenn’s dir zu kalt wird da draussen, wird aber heute wohl nicht der Fall sein. Eins musst du noch wissen; hier wird nicht reingepisst, ja!? Und bitte am Abend das Salzwasser und den Sand ausspülen! » … Na toll, und wie der passt! In dem gummigen Teil fühl ich mich wie Meister Eder in Pumuckls Schlafanzug! Mir selber fremd, geh’ ich raus auf die Terrasse der Villa Miguel, wo die Mittagssonne bereits den unebenen Holzboden erwärmt hat. Die Camp-Bewohner sitzen teils in Aufbruchstimmung, teils im Dilemma vom letzen Abend, mit Kaffeetassen und Kippen in der Hand auf den Holzbänken. «Hahaha! Siehst lustig aus! Aber passt doch prima, oder!?», sind die mitleidigen Kommentare. Mit einem gequälten Lächeln bejahe ich ihre Meinung und frage mich insgeheim, wie ich in diesem Ding jemals cool auf dem Surfbrett stehen soll… Der hübsche Teamer meint nur tröstend: «Wart’s nur ab! Wenn das Wasser erst mal oben beim Neo reinfliesst, und den ganzen Rücken hinab läuft, wird’s richtig gemütlich und erfrischend!»

Jetzt soll’s also losgehen. Ich kann’s kaum erwarten, wie ich da draussen vor der Garage stehe, putzmunter und aufgeregt. Das Surfboard unterm Arm, die Leash in der Hand. Ich dachte, die Dinger wären viel schwerer. Das erste Mal kann ich das Baby also selbst im Arm halten. Schon das allein fühlt sich ziemlich verrückt an. Ein schmaler Streifen braungebrannter Haut trennt die weissen Roxy-Surfshorts vom schwarzen Lycra-Shirt, welches wir beim freundlichen Typen vom Surfshop gekauft haben.

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Und so «flipfloppen» wir also los, alle watschelnd hintereinander, über das schmale Weglein durch den Pinienwald, vorbei an Residenz-Hotelanlagen und einem bescheiden besetzten riesigen Parkplatz. Das ist er also, der Parkplatz mit den alten, verstaubten Pick-ups und den gestylten Bullis der angereisten Surfer, von dem uns Lando abgeraten hat, abends mit Miniröcken alleine vorbeizugehen… Doch um diese Zeit ist niemand hier anzutreffen. Wahrscheinlich reiten sie gerade die Wellen des Atlantiks ab, sonnen sich irgendwo lässig am Strand oder treffen sich draussen vor dem «Haus der 100 Biere».

Da steh’n wir nun vor dieser hohen Düne im Baileysbraunen Sand. Links und rechts des Weges liegt eingezäuntes Naturschutzgebiet. Während ich mühselig meine Flip-Flops ausziehe – man bedenke das inzwischen tonnenschwer anfühlende Surfbrett unterm Arm und den vollen Rucksack auf dem Rücken –, schau ich gespannt den hohen Weg hinauf, im Kopf schon die Vorstellung vom schönen Ausblick dahinter. Was erwartet mich wohl da oben? Meine Fresse, hab ich doch wirklich noch nie einen Surfer real auf den Meereswellen reiten sehen! Ich hoffe, ich werde nicht gleich in Freudentränen ausbrechen oder vor lauter Glückseligkeit im Sand versinken.

Oben angekommen, stell’ ich zuerst mal erschöpft mein Board ab. Mein Blick schweift über den weitgezogenen, breiten Sandstrand hinab zum Wasser. Freude überkommt mich mitten im wilden Geschwätz der anderen – ein Gefühl der Zufriedenheit und der Eroberung. Es fühlt sich frei und fast ein bisschen mächtig an, wie ich hier oben auf dem höchsten Punkt der Düne stehe. Weitblick – nichts als Weitblick. Salziger, feuchter Wind weht mir ins Gesicht, die Atlantikküste Südwestfrankreichs heisst uns willkommen! Für einen kurzen Augenblick besinne ich mich meines grossen Glücks, hier stehen zu können, und ich werfe dem Himmel ein dankbares Lächeln zu.

Dann geht es schnell weiter. Wir suchen uns einen hübschen Platz aus, lassen unsere Boards erst mal aus den Augen – jedoch nicht aus dem Sinn – und machen erste Dehnübungen. Henk, Campvater und zugleich gute Seele für fürsorgebedürftige Gäste, erzählt uns die wichtigsten Informationen rund ums Surfen. Wie heissen die einzelnen Teile des Surfboards, was gibt es zu beachten beim Paddeln, welches sind die Gefahren des Meeres – und überhaupt; wie surft man eigentlich?

Ein paar hundert Meter weiter draussen auf dem Meer, drängen aus dem stillen Dunkelblau die weissgekrönten Wellen himmelwärts und wälzen sich dem Ufer zu. Eine nach der anderen rollen sie heran, meterlang und mit sprühendem Kamm.  Ich sitze in Dehnposition mit angewinkelten Beinen im Sand und lausche dem fortlaufenden Brausen, schaue auf die nicht endende Prozession und fühle mich plötzlich klein und zerbrechlich angesichts dieser Kraft. Zugegeben, es waren bestimmt nicht sehr hohe Wellen an diesem schönen Sommernachmittag. Doch in der Tat, man fühlt sich klein, und die Vorstellung, sich mit diesem Meer messen zu wollen, löst instinktiv ein mulmiges Gefühl im Bauch aus. Und plötzlich ist er vor meiner Linse! Dort, wo eine dampfende Brandung zum Himmel steigt, taucht der dunkle Kopf eines Surfers auf. Rasch erhebt er sich aus der stürzenden Welle. Wo diese einen Moment zuvor nur einsam Richtung Land hinrauschte, ist nun dieser kräftige Typ, rote Surfshorts und nakter Oberkörper, aus dem Wasser heraus in die Welle gestürzt. Gekonnt nimmt er diese zwei Meter hohe Woge und reitet sie elegant ab. Er steht auf einem Longboard, vermutlich wird’s ein Malibu sein, oder ein BIC… Völlig gelassen, als würde er gerade auf seinem Fahrrad die sandige Strandstrasse entlangcruisen, gleitet er mit der Geschwindigkeit der Welle über das Meer Richtung Strand. Und weiter dem Ufer zu reitet er auf seinem Brett den weissen Kamm der Welle ab. Ein Aufschäumen, ein langgezogenes Rauschen, als die Welle schlussendlich am Ufer zusammenfällt. Und sogleich springt auch der junge Surfer von seinem Board, um danach von neuem hinaus zu paddeln, und die nächste Welle abzuwarten.

Ich sitze immer noch im Sand… mittlerweile mit gekreuzten Armen, um die Muskeln fürs Paddeln vorzubereiten. Ich denke an die Roxy-Girls, wie sie in diesem Moment wahrscheinlich gerade auf die türkisfarbenen Wellen irgendwo auf den Fidji-Inseln warten, und sich über den letzten Ritt amüsieren. Und weiter denk ich, dass sie ein wundervolles Leben haben… jeden Tag da draussen auf dem Brett zu liegen, und, falls grad eine Welle kommt, aufspringen, um danach wieder von vorne zu beginnen… Und noch weiter gehen die Gedanken. Es ist alles gut hier, im warmen Sand zu sitzen, und dennoch, du bist ein einfaches Mädchen, welches das erste Mal hierher gereist ist, um sich als Roxy-Girl zu versuchen, und was diese Girls können, kannst du auch. Jetzt hab dich mal nicht so, mach schon! Nimm dein Board unter den Arm, schlendere lässig an den anderen Surfern vorbei, spring ins kalte Wasser und ringe mit dem Meer…

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Und so kommt es, dass ich mich zum ersten Mal am Wellenreiten versuche. Ich bin jedoch nicht eines dieser Girls, oder dieser Typ mit den roten Surfshorts… Eher bin ich ein unbeholfenes, kleines Kind, das zum ersten Mal versucht, aufrecht zu gehen. So geh ich nun hinaus mit einem flachen Brett, einem 7 Fuss langen, leicht ovalen Mini Malibu. Ich lege mich darauf, wie sich ein kleiner Junge auf seinen Schlitten legt, und paddle mit den Händen hinaus ins etwas tiefere Wasser, wo sich die kleinen Wellen zu heben beginnen. Es dauert seine Zeit, bis ich endlich draussen bei Henk bin, denn auf dem Surfbrett lässt es sich paddeln wie zum ersten Mal auf einem Skateboard zu stehen. Alles ist eine Frage des Gleichgewichts.

Erschöpft und Salzwasser spuckend, komme ich dann endlich bei Henk an, wo ich mich an seinem Surfbrett festhalte, um nicht gleich wieder an Land gespült zu werden. Die Wellen sind mittlerweile ziemlich klein, sodass dies auch weiter kein Problem ist. Henk guckt mich lachend an und erklärt mir den konkreten Vorgang beim Wellenreiten. «Bleib ruhig auf dem Brett liegen. Welle für Welle bricht sich vor dir, hinter, unter und über dir, eilt zum Ufer hin und lässt dich zurück. Erhebt sich eine Welle, wird sie steiler. Stell dir vor, du lägest auf deinem Brett, unmittelbar vor der abfallenden Wellenwand. Stünde sie still, würdest du ebenso hinuntergleiten wie der Junge mit seinem Schlitten einen Hügel hinunterrodelt.» «Aber», wende ich ein, «die Welle steht nicht still!» «Sehr wahr, doch das Wasser, aus dem sie besteht, das bewegt sich nicht, womit wir beim Geheimnis angelangt wären. Solltest du jemals diese Welle hinuntergleiten, so wirst du immer weiter schweben, und niemals wirst du ihr unteres Ende erreichen. Lache nicht! Das Gefälle dieser Welle mag nur einen Meter messen, und doch kannst du auf ihm einen halben Kilometer weit hinabgleiten. Denn da eine Welle übertragende Bewegung oder übertragender Schwung ist, erhebt sich so schnell neues Wasser in die Welle, wie diese vorwärts drängt. Auf diesem neuen Wasser gleitest du hinab, und doch verändert sich deine Position auf der Welle nicht; hinab gleitest du auf immer neuem Wasser. Du kommst ebenso schnell voran, wie sich die Welle bewegt. Während die Welle wandert, türmt sie sich auf, die Schwerkraft besorgt den Rest. Und hinab gleitest du die ganze Strecke. Solltest du immer noch der Meinung sein, das Wasser bewege sich mit dir mit, strecke deine Arme hinein und versuche zu paddeln; du siehst, dass du erstaunlich schnell sein musst, um einen Zug zu machen, denn dieses Wasser fällt so schnell zurück, wie du nach vorne stürzt.»

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Erstaunt und etwas überfordert, lasse ich sein Surfbrett los. Ich paddle etwas näher zum Land und schliesse mich einigen kleinen Jungs im seichten Wasser an, dort, wo die Wellen bereits zusammengebrochen und niedrig genug sind. Ich schaue den anderen Surfern zu. Immer, wenn ein vielversprechender Brecher vorbeikommt, hüpfen sie bäuchlings auf ihre Bretter, strampeln wie verrückt mit den Füssen und reiten die Welle an den Strand. Ich versuche, ihnen nachzueifern. Ich beobachte sie, versuche alles zu tun, was sie tun, und scheitere kläglich… Die Welle schwappt vorbei, und ich bin nicht drauf. Ich versuche es wieder und wieder… Ich strample doppelt so wild wie sie und versage. Wir sind bestimmt etwa fünf an der Zahl. Vor einer guten Welle springen wir alle auf unsere Bretter. Unsere Füsse wirbeln los, und fort schiessen die kleinen Schlingel, während ich gedemütigt zurückbleibe…

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Ich habe es eine geschlagene Stunde lang probiert. Habe gekämpft, salziges Wasser geschluckt, Sand aus den Augen gerieben, geschrien und geflucht, ohne eine einzige Welle davon zu überzeugen, mich an Land zu befördern. Und dann ist Henk gekommen. «Hey, was machst du denn!? Willste wirklich schon aufgeben!? Geh vom Brett runter, ich zeig dir wie man das Pferd in den Stall reitet! » Etwas unwillig lass ich mich von ihm überreden, und gib seiner Belehrung freien Lauf. Er zeigt mir, wie ich richtig auf das Brett steige und erklärt mir nochmals genau den Ablauf der Dinge. Dann wartet er eine gute Welle ab, gibt mir im rechten Augenblick einen Schubs und bringt mich hinein. Ach, welch herrlicher Moment, als ich spüre, wie die Welle mich ergreifft und mit sich reisst! Ich stehe auf dem Surfbrett und rausche dahin, etwa zehn Meter. Alles geht ziemlich schnell, und bevor ich überhaupt verstehen kann, was passiert, sink ich mit der Welle auf dem Sand nieder. Von diesem Moment an bin ich völlig aus dem Häuschen! Ich wate mit dem schweren Brett aus dem Wasser, lass es am Ufer zurück und renne zu den anderen. «Hast du das gesehen!? Ich bin gestanden!» «Ach nee!? Wirklich!?» «Jaa! Mindestens zwanzig Meter bin ich ganz alleine gesurft!!!» «Zwanzig Meter! Wow! Is ja Hammer!»…

Mächtig stolz und überglücklich schaue ich nochmals sehnsüchtig auf das Meer hinaus, wo sich die anderen immer noch tummeln, lasse mich erschöpft auf das Handtuch fallen und sage nur lachend: «Ich bin das erste Mal gesurft!»

Writer: Livia
Land: 5621 – Schweiz
Kategorie: Reisebericht

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2 Kommentare zu „Ein Tag am Meer“

  1. Jens sagt:

    Ich denke das kennen wir alle… ab nun wird dein Leben nicht mehr das Gleiche sein… willkommen in der Familie ;-)

  2. Livia sagt:

    Danke :)
    Der Originaltext entstand schon vor 6 Jahren…
    schöne Erinnerungen.

Surfhund

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