Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!
von Matthi
An jenen Sommer hatte ich große Erwartungen. Immerhin saß ich bis Ende August in Köln wegen Klausuren fest, während die meisten meiner Freunde schon an sonnigeren Orten waren. Als ich dann endlich in den Flieger in Richtung meiner Heimat Griechenland stieg, hatte ich jedoch noch nicht die leiseste Ahnung, wie sich in den kommenden Wochen alles verändern würde. Der Plan war ein Monat Insel- hopping mit meinem Freund. Was allerdings nicht geplant war, war das plötzliche Ende der Beziehung.
So saß ich Anfang September völlig verzweifelt in Thessaloniki, da alle meine Urlaubspläne auf einmal geplatzt waren. Die Rettung kam von meiner besten Freundin, welche ich zum jammern angerufen hatte : „Wir sind in Portugal, reisen mit Rucksäcken und Zelt durch die Gegend und wollen die Wellen an der Algarve mal checken. Komm!“ Ohne einen Moment darüber nachzudenken, hatte ich alle meine Ersparnisse in Flug und Rückflug investiert, Rucksack gepackt, das nötige eingekauft. Alles dabei? Los gehts!
Obwohl es nicht mein erstes mal in Portugal war, hatte ich absolut keine Ahnung was mich dort erwarten würde als ich im Flieger nach Faro saß. Das einzige was ich wusste war, dass das was ich gerade tat richtig war. Und verdammt aufregend! Am Flughafen rannten mir -typisch Mädchen- meine Freundinnen jubelnd entgegen. Umarmungen, aufgeregtes Lachen, viele Fragen, viele Erklärungen. Es ging sofort los nach Albufeira, wo wir erstmal meine Ankunft ordentlich feierten. Wir übernachteten auf einem Campingplatz in Lagos, um von da aus am nächsten Tag nach Sagres zu fahren.
Sagres… Als “End-of-the-road“ wird es im Lonely Planet bezeichnet, zu Recht, da es in vor-Kolumbus Jahren als das Ende der Welt vermutet wurde und der südwestlichste Punkt Europas ist.
Ein winziges Dorf, das für „normale Menschen“ keine Besonderen Sehenswürdigkeiten bietet, außer den atemberaubend schönen Stränden. Für uns Surfer ist es allerdings ein Paradies: Heftige Atlantikwellen an tollen Stränden, freundliche und entspannte Menschen, Parties von denen so manche Metropole nur träumen kann. Vor allem aber fühlt man sich dort wohl. Als ich nämlich aus dem Bus stieg und zum ersten mal in meinem Leben in diesem wunderbaren kleinen Ort meinen Fuß setzte, spürte ich das sonderbare Gefühl der Geborgenheit, was ich sonst nur von mir zu Hause aus Griechenland kenne. Noch verkatert vom letzten Abend und müde von der Fahrt fragten wir uns sofort nach dem nächsten Surfshop durch, um Boards und Wetsuits zu besorgen. Die Managerin war äußerst freundlich und bot uns die Sachen zusammen mit einer Mitfahrgelegenheit zu den Surfspots zu einem sehr guten Preis an. Dank eines sehr hilfsbereiten Kellners fanden wir auch noch Unterkunft bei einer portugiesischen alten Dame (die weder deutsch noch englisch konnte, aber egal). Perfekt! Erschöpft und voller Vorfreude fielen wir direkt in unsere Betten, immerhin erwartete uns ein aufregender Tag!

Früh morgens fuhren wir schon an unseren ersten Spot, die Praia do Castelejo. Mit den Leuten aus dem Surfcamp, in deren Van wir uns noch dazuquetschten, verstanden wir uns super. Witze wurden in 3 verschiedenen Sprachen erzählt, aus dem Radio lief Reggae, „rise up this morning, smiled with the rising sun…“, Deutsche, Österreicher, Portugiesen, Russen, egal, wir teilten ja alle die Liebe zum Meer. Als wir ankamen war ich erstmal total von der Schönheit des Ortes beeindruckt: Ein ellenlanger Strand, dunkle Felsen, und diese Wellen! Groß und lang und laut und einschüchternd. Ganz anders als ich es von Griechenland gewohnt war, aber trotzdem schön. Den ganzen Tag blieben wir dort, wir konnten nicht mehr aus dem Wasser. Es war das erste mal, dass ich surfte. Am Abend war ich total kaputt aber auch sehr, sehr glücklich: Ich hatte das Surfen für mich entdeckt. Es fühlte sich an wie frisch verliebt.
Nach ein paar Tagen erhielten wir dann einen Anruf von Freunden einer meiner beiden Freundinnen: Sie waren mit einem Van unterwegs, durch Frankreich und Spanien gereist und wollten den Rest ihrer Reise mit uns an der Algarve verbringen. Die nächsten Tage fuhren wir mit ihrem Van an die Strände, sechs Leute in den Westfalia gequetscht, zwischen dreckigem Geschirr, einer Gitarre und Surfbrettern, während die Coldplay-CD auf repeat lief. Diese Tage hatten den salzigen Geschmack vom Ozean, den Geruch von Lagerfeuer, das Gefühl von Wellen, die einem ins Gesicht klatschten und von Umarmungen im Wind.
Mir blieben viele schöne Erinnerungen von diesem Sommer: Betrunkenes nächtliches Nacktschwimmen, leckerer Fisch auf einem Minigrill, auf der Bar tanzend sich in der Musik zu verlieren, von Felsen mit Klamotten ins Meer zu springen, einfach weil es zu schön war um es nicht zu tun und alles was man zum Leben braucht in einem kleinen Van zu haben. Ein Leben vollkommen anders als der gestresste Alltag in der Stadt, der voller Oberflächlichkeit und Einsamkeit ist. Diese Erinnerungen zaubern zu tristen Wintertagen und ätzenden Vorlesungen noch oft ein Lächeln auf mein Gesicht. Die schönste von allen ist aber immer noch meine erste Welle.
Natürlich liefen meine ersten Surfversuche nicht ganz ohne Peinlichkeiten und Missgeschicke ab. Ausrutschen, Runterfallen, von Wellen verprügelt werden, die Leute am Strand die mir zusahen hatten sicher ihren Spaß. Aber das war mir so was von egal. An dem Tag, als ich es nämlich schaffte, meine erste Welle zu stehen, verbreitete sich in mir ein Gefühl der absoluten Glückseligkeit. Die Welle brachte mich bis zum Strand und ich dachte ich würde platzen vor Glück.

Den ganzen übrigen Tag lang hatte ich ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Und das Gefühl ich könnte alles schaffen.
Eigentlich geht es ja nur darum, auf einem Brett im Meer zu stehen und zu versuchen, Wellen zu reiten. Aber jeder, der beim Surfen auch nur im geringsten schon mal das gefühlt hat, was ich bei meiner ersten Welle spürte, weiß, dass es viel mehr ist als das. Surfen ist etwas ganz wunderbares. Erst kommt die Angst, die einen packt, wenn eine riesige Welle sich vor einem türmt. Dann muss man all seinen Mut zusammenreißen, die Panik überwinden und sich trauen. Und dann, wenn man es schafft, ist es eines der schönsten Gefühle der Welt. Als Biologin weiß ich, dass es sich dabei einfach nur um Hormone wie Dopamin und Adrenalin handelt. Als Romantikerin glaube ich aber auch an die Magie. Diese Magie, diese Gefühle sind jene die uns süchtig nach den Wellen machen, sie quälen uns im Winter mit Fernweh, sie treiben uns bis ans Ende der Welt auf der Suche nach unseren Grenzen, sie bringen uns dazu, alles andere als unwichtig zu betrachten. Man hatte mir damals gesagt: „Es gibt Leute, die das Surfen mal ausprobieren, einen Sommer lang Spaß haben und dann sagen OK, war ´ne coole Erfahrung. Es gibt aber auch diejenigen, die es danach nicht mehr los lässt.“ . „Woran erkenne ich denn, zu wem ich gehöre?“ war meine Frage. „Melina, das wirst du im Winter sehen, wenn du an nichts anderes mehr denken kannst. Eigentlich weißt du es doch jetzt schon.“
Dieser Sommer hatte vieles verändert: Ich kam in Portugal an, mit Liebeskummer, nach einem sehr schweren Jahr, müde von all dem Stress, Heimweh und Melancholie der letzten Zeit. Ich wollte einfach nur alles vergessen. Ich kam aus Portugal zurück, erleichtert, wie wiederbelebt, mit viel Energie und Lust auf das neue Semester, auf meinen Job und auf mein neues Leben in Köln. Ich wurde zu einem positiveren Menschen, von einer melancholischen Person zu einer Optimistin, von eher schüchtern zu mutig. Das habe ich meinem ersten mal Surfen zu verdanken. Und ich wusste und weiß ganz genau, zu welcher Sorte Surfer ich gehöre: Zu denen, die sich ihr Leben ohne Wellen nicht mehr vorstellen können. Seitdem versuche ich in jede Klausur- und Vorlesungsfreie Zeit einen Surftrip zu quetschen, auch wenn es nur eine Woche ist. Urlaub ohne zu Surfen geht nicht. Und der Winter? Kaum auszuhalten. Irgendwann zieh ich nach Hawaii, irgendwo hin wo es immer Sommer ist. Oder ich jage dem Sommer hinterher, wie die Jungs in „the endless summer“.
Ich bin mir sicher, dass ich da nicht die einzige bin. Meine Geschichte gibt es bestimmt in tausend verschiedenen Variationen und das freut mich, dass es noch so viele andere Menschen gibt, die dasselbe empfinden wie ich. Letztendlich war das Ende meiner damaligen Beziehung das beste, was mir passieren konnte. Sonst hätte es diesen traumhaften Sommer vielleicht gar nicht gegeben. Und das will ich mir noch nicht einmal vorstellen.
Manchmal kommt eben doch alles anders als man denkt…
Writer: Melina Varnas
Land: 50931 - Deutschland
Kategorie: Reisebericht










(256 Stimmen, Durchschnitt: 3.79 von 5)

26. Januar 2010 um 20:14 Uhr
Romantisch, traumhaft, atemberaubend- und vor allem optimistisch und sehr ermutigend:)! Eine schöne Geschichte, das Beste nach einem harten Unitag!!
27. Januar 2010 um 14:58 Uhr
melina, du sprichst mir aus der seele! Ich fühle mich zurückversetzt nach sagres, sehe alles wie in einem traum vor mir! Eine zeit im glücksrausch…
vielen dank, dafür, dass du meine erinnerungen so bereicherst!
1. Februar 2010 um 20:27 Uhr
Melina, ich habe dich gesehen, als du aus deinem Urlaub zurück kamst. Das Glitzern in deinen Augen, deine ausgelassene, übermütige Stimmung, übersprudelnd vor Glück und neuem Tatendrang für dein neues Leben in Köln. Das Surfen war das Beste, was dir zu diesem Zeitpunkt passieren konnte. Ich wünsche dir viele weitere wunderschöne Surfurlaube auf der ganzen Welt. Und diesen kleinen Ort möchte ich auch kennenlernen und den vielen jungen schönen Menschen beim Wellenreiten zuschauen.