Lebenswandel auf Fuerteventura
von Matthi
Aber Hey, was solls.
Ja, wie fängt man so eine Story überhaupt an? Erzähl ich Euch einfach was von den unglaublich penetranten Italienern, die eine Pizzeria gleich nebenan haben und sich den ganzen Tag lautstark über Belanglosigkeiten streiten, Michael Jackson abgöttisch lieben und sich von der Konkurrenz absetzen, indem sie KEINE Pizza verkaufen? Oder fange ich lieber damit an, dass das hier der idyllischste Ort der Welt ist und Toby, mein Controller (wir haben uns auf dieses Wort geeinigt, da er „Chef“ schrecklich findet) sich einen Lebenstraum verwirklicht hat, indem er hier in El Cotillo auf Fuerteventura eine Surfschule gegründet hat? Oder erzähl ich Euch, dass ich hier die Zeit meines Lebens haben werden, obwohl ich als typische Großstadttussi eigentlich überhaupt nicht zum Lifestyle hier passe? Ich weiß es nicht, aber ich möchte euch unbedingt etwas von meinen großartigen Erfahrungen mitgeben…also fangen wir einfach mal mit den Basics an:
Mein Name ist Maria, 22 Jahre alt und ich habe bis auf die Zeit während meines Sportmanagementstudiums in Salzgitter (fahrt da bitte nie hin, okay?) mein gesamtes Leben in München verbracht und dort natürlich auch die Münchner „Schickería“ vollends gelebt. Ein Abend ohne hohe Absätze, stündliches Nachschminken und minütlichem Frisurcheck? No Way!
Aber dann hat mein Leben eine spontane Wendung genommen und jetzt bin ich im Rahmen meines Uni- Praxissemesters bei FreshSurf Fuerteventura als hm, Assistenz der Geschäftsführung (Praktikant klingt so nach Kaffeekochen…) im Bereich Marketing etc. gelandet. In erster Linie bedeutet das für mich einen völlig neuen Lifestyle, der schon dadurch bedingt ist, dass die Stadt in der ich die nächste Zeit verbringen werden, El Cotillo, eigentlich nur ein kleines Fischerdörfchen ist, in dem außer Fischen und Surfen überhaupt nichts geht. Auf gut Deutsch: Keine Partys, somit auch kein Alkohol, keine Zigaretten und erst Recht keine Münchner Dekadenz mehr. Puh. Ziemlich heftig. Aber durchaus gesund für Niere, Leber & Lunge.
Deswegen werden jetzt zwangsweise Lack High-Heels gegen bunte FlipFlops getauscht und aus meinen eigentlichen Favourites schwarz & weiß werden pink, grün und sämtliche andere Neontöne, Billabong, Roxy, O´Neill & Co stellen ja auch nichts anderes her für Frauen. Schminke? Nein, Danke… bin ich etwa eine Tussi oder was?- Klar etwas gewöhnungsbedürftig und ich habe anfangs immer noch versucht, die Neontöne farblich passend zu kombinieren aber inzwischen nehme ich einfach die Sachen, auf die ich Lust habe und wurde auch schon mehrmals als Surferchick identifiziert…Olé…Ziel erreicht.

Auch die Art der Arbeit hier ist für mich völlig neu. Die Jungs von FreshSurf leben den Tag und machen das, was sie für gut und wichtig empfinden. Natürlich darf die Arbeit nicht zu kurz kommen, aber man lässt den Tag nicht durch volle Terminpläne bestimmen, sondern arbeitet kreativ & innovativ und lässt sich einfach von seinem Gefühl leiten. Das ist für mich bisher unvorstellbar gewesen und mir fällt es schwer, mich von alten Gewohnheiten zu verabschieden, da ich bisher nur den typisch deutschen, streng durchorganisierten Büroalltag kenne. Z.B. habe ich meinen fünf- monatigen Aufenthalt auf Fuerteventura am ersten Tag unter Tobys verwundertem Blick mit meinem absoluten Lieblingstool „MS Project“ durchgeplant, habe mir aber fest vorgenommen, das wieder zu löschen, auch wenn dabei ein ungutes Gefühl in der Magengegend zurückbleiben wird.
Was meine Zeit hier jetzt schon besonders geprägt hat, ist das Surfen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich die letzten 22 Jahre ausgehalten habe, ohne auf dem Board zu stehen. Momentan bin ich zwar noch auf einem monströsen Softboard (zwar uncool, aber sinnvoll, da ich sonst sicher schon die Ein oder Andere schwerwiegende Blessur hätte) unterwegs, aber immerhin stehe ich schon und bin jeden Tag mehr von diesem Wahnsinns-Gefühl gestoked einfach diese Naturmacht Wasser, vor der man nie den Respekt verlieren sollte, zumindest ein wenig kontrollieren und sich zu eigen machen zu können. Wie ihr merkt, habe ich auch schon einige Fachwörter aufgesaugt…
Aber aller Anfang ist schwer und im Moment paddle ich noch etwas verwirrt von dem ganzen Channel, Line- Up usw. Gerede im Weißwasser herum und versuche meinen Stand zu verbessern, auch wenn das verdammt oft schiefgeht und dann schonmal mit dem Gesicht im Sand gebremst wird.
Aber Hey, was solls.
Jeder fängt mal klein an und ich bin sogar ein kleines bisschen stolz auf jeden blauen Fleck und jede Schramme (und glaubt mir, davon gibt es einige), die ich mir fast täglich hole, schließlich will ich ja keine Tussi mehr sein. „Nur die Harten kommen in den Garten“ ist das neue Motto und damit lässt sichs überraschend gut leben. Meistens enden unsere Surfsessions dann in unendlicher Erschöpfung, aber das ist für mich das beste Gefühl der Welt. Dann wird einfach unsere FreshSurf- Surflounge zum Schlafzimmer umfunktioniert und abends mit Yoga auf dem Sonnendach unseres Partnerhotels dem alltäglichen Muskelkater entgegengewirkt.
Um schnell besser zu werden nutze ich ab jetzt einfach jeden Tag meine Mittagspause (In Spanien wird von zwei bis fünf Uhr Siesta gehalten- wie praktisch)und versuche so viele weiße & manchmal auch schon kleine grüne Wellen anpaddeln, wie es nur geht, um sicherer zu werden und demnächst auf ein kleineres Board umsteigen zu können, mit dem es mich nicht bei jedem Windstoß (und Wind haben wir hier auf Fuerteventura immer einige Knoten) umschmeißt, wenn ich es zum Strand trage.

Irgendwann in ferner Zukunft kommt dann auch das eigene Board. Hier bei uns auf Fuerteventura gibt es einige richtig gute Shaper und ich hoffe, dass ich in der verbleibenden Zeit noch so gut werde, dass das wirklich Sinn macht. Wäre auf jeden Fall ein Traum. Und in noch fernerer Zukunft steht natürlich der Surflehrerschein. Was ich einmal angefangen habe, versuche ich immer richtig durchzuziehen und wer weiß, eventuell treffen wir uns später dann mal an dem ein oder anderen Break? Ihr erkennt mich dann an den farblich perfekt abgestimmten Neontönen…
Aber bis dahin wird noch viel Zeit vergehen und inzwischen genieße ich meinen Aufenthalt hier im Paradies. Und das ist es wirklich, auch wenn manche es wahrscheinlich anders definieren würden. Aber ich habe hier mein kleines Paradies gefunden, eine kleine aber feine Surferwelt, in der die Uhren etwas langsamer ticken und Selbstverwirklichung das höchste Ziel ist. Und auch wenn es für mich ein großer Schritt war, mein „altes“ Leben aufzugeben, so werde ich doch keinen Tag hier bereuen und versuchen, so viel wie möglich von dieser besonderen Lebenseinstellung hier für mich zu übernehmen. Und wer weiß, eventuell möchte ich danach auch nicht mehr in mein altes Leben zurückkehren.
Writer: Maria Pötschke
Land: 82205 – Deutschland
Kategorie: Reisebericht









(548 Stimmen, Durchschnitt: 4.51 von 5)

14. April 2010 um 12:29 Uhr
Willkommen auf der guten Seite der Macht… wieder eine die sich der dunklen Seite abgewandt hat ….
14. April 2010 um 16:00 Uhr
Halte durch, der Spass und das Leben ist es wert.
14. April 2010 um 22:11 Uhr
Geniess es so lange du kannst!
20. April 2010 um 16:15 Uhr
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