Dana Beanies5.Internationaler Murbreak Surf Contest

Die Geschichte eines Vollherz-Maedchens

von Matthi

Writer: Angelika Sagorz

Writer: Angelika Sagorz

Schwer fielen Krokodilstraenen aus Maedchenaugen auf sandweissen Strand.  Noch immer. Schon wieder. Wie lange sass sie wohl jetzt schon da und heulte? Abermals liess sie ihren Blick zum Mond empor schweifen, den sie verschwommen als hellsten beinahe kreisrunden Lichtpunkt am Himmel wahrnahm, noch nicht ganz voll, aber dennoch bereits fuellig gelb. Salzwasser tropfte die Wange herab. Und nur unweit von ihr entfernt bauschten sich die Traenen des Ozeans zu Wellen auf. Der Klang des Meeres vermischte sich mit der Melodie des Windes, die ihr gemeinsam mit vereinten Kraeften ein trostspendendes Lied sangen. Ein letztes Mal schluchzte sie laut auf, bevor sie von der Mauer sprang, auf der sie es sich vor einer halben Ewigkeit bequem gemacht hatte. Bestimmt hatte die Mauer einen Abdruck auf der Rueckseite ihrer Oberschenkel hinterlassen, dachte sie bei sich als nun die Salzwasserflut in ihren Augen endlich verebbte und sie ungetruebten Blickes  nach ihren gelben Flip Flops im Sand fischten konnte. Leichtes Spiel, sieht man wieder unverklaert! Schnell hatte sie sie gefunden. Normalerweise zaehlte sie sich ja nicht zu den Heultanten, aber heute abend war alles aus dem Ruder gelaufen. Wie eine schlecht prognostizierte Schlechtwetterfront, war unvorhergesehen ein Gewitter hereingebrochen, war unbemerkt zur Tuer des Speisesaals hereingestroemt waehrend sie und ihre Freunde gemeinsam assen und hatte sich unverschoent schonungslos ueber ihren Koepfen ausgebreitet um sich wenig spaeter ueber Nachtmal und Mensch zu entladen. Schlimme Woerter waren gefallen, schrecklich laut ist es geworden, als schliesslich bruellender Donner sich einklinkte. Vergeblich hatte sie waehrend der gesamten Zetterrei nach Blitzlichtern gesucht und einmal glaubte sie wirklich einen aus den Augen Heinrichs  zucken zu sehen, als Bettina mit Hagelkoernern schoss. Und jetzt. Jetzt herrschte zwischen den neugewonnenen Freunden ein wahrnehmbares Tief,  mehr noch hatte sich waehrend des Gewitters ein Asteroid geloest und sich genau auf ihrem Herzen breitgemacht.

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Immer glaubte sie an das Gute im Menschen. Auch hier. Vor gut einem Monat war sie hier gelandet, nach 2 Jahren Leben in Zentral und Suedamerika, war sie nun schliesslich in diesem kleinen Fischerdoerfchen im Nordosten Brasiliens gestrandet. Hier wuerde sie nun 3 Monate bleiben um kleinen Rotznasen die deutsche und englische Sprache beizubringen. Das Sozialprojekt hatte sie schon lange gekannt, vor Jahren waren Freunde hier gewesen und als sie am Ende der Welt in Ushuaia sass und sie die Nase gestrichen voll hatte  von Schnee und patagonische Windspielereien, die einen beinahe mit sich forttrugen passte man nicht auf, war sie ploetzlich auf den fast schon in Vergessenheit geratenen, zerschmuddelten Kontakt gestossen. Gleich darauf hatte sie den Vertrag in der Hand gehabt und ihren Backpack auf den Schultern. Sie hatte sich von ihrer neuen Liebe verabschiedet, ohne Traenen. Sie hatte schnell „Auf Wiedersehen“ gesagt, und war dann ohne Zurueckzusehen mit Freude einem neuen Abenteuer entgegengegangen. Am Flughafen dann war sie dann doch ein wenig traurig geworden, aber gleichsam wie Wellen ans Ufer gespuelt werden um gleich darauf einer neu anrollenden Platz zu machen, wurde auch diese Traurigkeit von Vorfreude weggewaschen.

Und nun war sie hier. Im Paradies unter brasilianischer Sonne. Sie erwachte mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch die morschen Holzbalken des Fensters zu ihrem Zimmer strahlten. Schon um 6 Uhr kuessten sie sie wach und liessen sie nicht eine Sekunde laenger schlafen. Schnell lief sie kurz darauf immer zum Meer und tauchte kopfueber ins Blau. Um halb 8 sass sie am Rad und fuhr gemeinsam mit Bettina,  zur Schule. Ihre Morgenklasse verlief selten wie geplant, aber mittlerweile hatte sie sich den Kindern angepasst und eingesehen, dass es hier wenig Sinn machte strikt und nach Regeln zu unterrichten. Am ersten Tag in der Schule hatte sie sich gedacht, sie wuerde ihren Backpack erst gar nicht auspacken und gleich wieder abreisen. Solche Kinder hatte sie noch nie zuvor erlebt. Luise, eine weitere Lehrerkollegin aus den Staaten, hatte treffend behaupted, dass man diese Kinder in den USA wohl schon laengstens mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom diagnostiziert und mit Pillen stillgelegt haette. An dem Tag in der Schule dachte sie, dass sie nichts dagegen einzuwenden habe, dagegen den temperamentvollen Kindern ein paar Tranquilizern einzufloessen. Mehr noch dachte sie, gleich selbst tatkraeftig zur Apotheke zu schreiten, als sie Von Paulo, einem 11jaehrigen eine geballt bekam, mitten in die Fresse und sie Samira, die Tochter der Koechin vom Tisch holen musste, wobei diese ihr sosehr ins Ohr kreischte, dass sie dachte noch auf der Stelle ihr Gehoer zu verlieren. Gluecklicherweise war ihr Trommelfell aber keine Zimperliese. Jetzt nach einem Monat, hatte sie jeden einzelnen Strizzi ins Herz geschlossen. Sie liebte diese Kinder, denen sie nichts vormachen konnte. Noch bevor sie die Klasse betrat, wussten die Kinder ohne zu fragen, bloss indem sie sie ansahen nicht durch sie hindurch, wie es ihr ging. Sie kannten sie. Sie liebte die Ehrlichkeit dieser Kinder, die unverbluemte Art und Weise offen zu sagen was ist und nicht was waere, auszudruecken was beruehrt und nicht verheimlichen was beschaeftigt und das alles ohne einen schlechten Gedanken. Die Energie der Baelger war schier unerschoepfbar. Die ihrige liess aufgrund der Hitze zu wuenschen uebrig. Besonders am Nachmittag kaempfte sie unter der hohen Luftfeuchtigkeit und den heissen Temperaturen, die ihren Blutdruck in den Keller rauschen liessen. Sie war ja der Meinung, dass sich solche Temperaturen nur schwer mit Arbeit vereinbaren liessen. Taeglich leerte sie viele Liter Wasser und wenn sie oftmals einen Liter Fluessigkeit innerhalb nur weniger Minuten in ihren Koerper kippte, dabei noch vor dem Ventilator in der offenen Halle der Schule stand, lachten die Kinder laut und zogen sie auf, indem sie mit dem Finger auf sie zeigten und Gringa nannten. Sie hatte begonnen die mit Zuckerrohrsaft vermengten ohnehin schon suessen Fruchtsaefte zu trinken, um mit der Energie der Kinder auf gleich halten zu koennen. Die Sonne brannte tagein-tagaus vom Himmel und die Jungs aus ihrer Klasse wollten unbedingt wieder Fussball spielen. Wie bloss dunkelbraunen Augen und Dackelblick aus neun Augenpaaren 7 bis 12 Jaehriger widerstehen? Also war sie Stuermer, fuer knappe 10 minuten, bis sie von Reginaldo ueberrannt und gleich anschliessend von Simon ins Tor verdonnert wurde. Das war ihr nur Recht, aber nach wie vor war es ihr viel zu heiss. Der Torbalken bot nicht genuegend Schutz vor der Sonne. In Gedanken war sie beim Kitesurfen, fuer das es diesen Monat leider noch zu wenig Wind gab. Aber das war auch gut so, die Sache mit dem Windmangel. Sie fuerchtete, gaebe es Wind, wuerde sie bloss abgelenkt werden und haette eventuell andere Flausen im Kopf als bloss das Hilfsprojekt. Eine leichte Brise Wind strich ihr durchs Haar, waehrend der Fussball ihren Kopf nur haarscharf verfehlte und Simon gleich darauf zetterte, ob sie denn eingeschlafen waere oder warum dieses Eiertor nun passiert war.

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Die Tage verstrichen. Keiner glich dem Anderen. Immer war der Himmel anders. Einmal blau und einmal Indigo. Manchmal zeichnete jemand Wolken darauf, die wiederum niemals aussahen wie am Tag zuvor, geflockt und bauschig, gestreift und rund, ineinanderverschlungen und einzeln verzierend, guckten sie variantenreich, niemals in bereits dagewesener Form von oben auf sie herab. Ebenso wie das Meer, das oft still war wie ein Seepferd und an anderen Tagen wiederum stuermisch wie ein noch nicht zugerittener Hengst. Manchmal trug es Schaumkronen und manchmal sanfte Wellenlinien. Von Zeit zu Zeit verschlang es sie gleich anfangs gaenzlich und oftmals musste sie meterweit latschen um den Stehbereich ueberquert zu haben. Und genauso war es mit den Kindern, die manchmal schon jammerten, kaum hatte sie ihre Nase zur Tuer des Klassenzimmers hereingestreckt und sie anflehten sie wuerden heute lieber Uno spielen, als etwas lernen, die oftmals schrien und kreischten und unaufmerksam waren, die noch oefters wie wildgewordene Maeuse alles auf den Kopf stellten, was nicht angeschraubt und befestigt war, die sich manchmal beinahe die Koepfe einschlugen und dann aber wieder brav wie Laemmer alles von der Tafel mitschrieben und wissbegierig neue Vokabeln lernen wollten. Immer waren es diesselben Kinder, aber niemals waren sie nur froehlich. Es gab Tage, da sprach ein normalerweise immer lustiges Kind gar nichts. Es gab Tage, da lachte ein sonst eher stilles Kind die ganze Stunde ueber. Es gab Tage, da weinte jemand und Tage da waren alle froehlich. Es gab Tage da reichte nur ein falsches Wort und die Fetzen flogen und Tage, da konnte ein Stern vom Himmel genau in den Garten der Schule fallen und alle haetten gesagt: „Aha, schau mal da draussen parkt ein Stern.“

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Und so blieb es spannend. So blieben die Tage abwechslungsreich und aufregend. So fuehlte sie sich lebendig und nicht gelangweilt, gefordert und staendig lernte sie selbst dazu. Gestern zum Beispiel wurde sie von Linus, so nannte sie einen ihrer Schueler, da er sie aufgrund seiner etwas langsamen Auffassungsgabe und seinem lustigen verdattertem Blick an den Charakter aus dem Snoopy Comic erinnerte, ueber brasiliansichen Fussball aufgeklaert. Mit grossen Augen hatte dieser sie gefragt, was denn ihr Lieblingsfussballteam waere. Leider reichte ihr Portugisisch nicht aus um ihm zu sagen:“ Junge, ich hab nicht mal Ahnung vom osterreichischen Fussball und schon gar nicht kenn ich mich im brasiliansichen aus.“ Und so sagte sie einfach „Carramba, die mag ich am Liebsten.“ Linus blinzelte kurz unglaeubig und meinte dann, dass sie zukuenftig besser Fan vom Team Flamengo sein sollte. Gut, so war sie also nun Flamengo Anhaengerin und erntete von den Jungs in der Klasse zustimmendes Nicken.

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Der Wind hatte zugenommen und erleichtert atmete sie die kuehle Meeresbrise ein. Sie spazierte an vier Gestalten vorbei, die am naechtlichen Strand Capoeira, eine brasilianische Tanzkampfsportart, praktizierten und dann war sie wieder alleine. Nur der Mond liess sie nicht sein in ihrer Einsamkeit und verfolgte sie. Es gab ihn gleich zweimal. Am Himmel und als Spiegelbild im Sand, zogen sich die Wellen wieder zurueck ins Meer. Beinahe schien es, als wuerde sie den Mond links unterm Arm tragen, er wich ihr nicht von der Seite. Sie dachte nach, wie alles gekommen war. Sie erinnterte sich, wie gleich am 4.ten Tag ihrer Ankunft im Fischerdorf vier Katzenbabys ueber die Mauer des Lehrerhauses, geworfen wurden, in der Annahme, die  Gringos wuerden schon auf sie achtgeben. Und tatsaechlich hatte sie nicht wegsehen koennen und hatte sich aufopfernd 3 Wochen lang um die Kaetzchen gekuemmert. Sie hatte ihnen mittels einer Pipette 4 bis 5 mal am Tag Futter eingefloesst und das obwohl sie Katzen eigentlich gar nicht wirklich mochte. Tiere im Allgemeinen beruehrten sie normalerweise nicht sonderlich. Und dann ganz unbemerkt, war sie in ein weiteres Sozialprojekt geschlittert, das allerdings heute ein nicht vorhersehbares Ende fand. Unangekuendigt und ohne sie in Kenntnis zu setzen, hatte Heinrich einfach einen Tierarzt beordert um die Kaetzchen einzuschlaefern zu lassen. Sie haetten nur gelitten und waeren ohnehin bald gestorben. Sie verstand die Welt nicht mehr, war doch er der erste gewesen, der gemeint hatte man koenne die Katzenbabys doch nicht einfach sterben lassen und nun spielte er Gott und entschied einfach ueber Leben und Tod. Und das Traurige an der ganzen Sache war, dass sie wusste, dass sie die Katzen haette durchbringen koennen. Sie lief weiter den Strand entlang, nun schneller, beinahe so als wollte sie den Mond abschuetteln, der sie allerdings im Dunkeln niemals alleine haette lassen. „Danke, das du da bist!“, fluesterte sie leise und dann etwas lauter:“ Bitte, pass gut auf die Katzen auf!“ Doch dann ueberlegte sie es sich und sie sprach:“ Ich wuensche mir, dass die Katzen noch heute Nacht als saemtlichen Insektensprays zu trotzen gewussten, immunisierten Kaeferchen reinkarniert werden und dem Heinrich mal so richtig in den Po beissen.“ Dabei musste sie lachen und da wusste sie, dass alles wieder gut werden wuerde. Sie spuerte den Sinn dieser schier unmenschlichen Ungerechtigkeit und liess die Trauer mit der naechsten Welle, die ihre Fuesse umspuelte, forttragen.

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Mit einem Laecheln machte sie sich auf den Rueckweg. Den Asteroiden auf ihrem Herzen hatte sie dem Mond mitgegeben und der Schwere in der Brust war kindliche Leichtigkeit und Trommelwirbel gewichen. Und als sie wenig spaeter auf Marcio und dessen Freunde traf, die ihr versprochen hatten, sobald es Wind gaebe, ihr das Kitesurfen beizubringen, war auch die letzte Schwermuetigkeit verflogen. Der Hunger kehrte  zurueck und sie nahm die Einladung gerne an am naechtlichen Fischpicknick teilzunehmen. Lange sassen sie beisammen. Das Feuer ging langsam aus. Die letzte Limone wurde in den Caipirinha gepresst und ein letztes Mal wurde Bob Marleys „No women, no cry“ auf der Gitarre zum Besten gegeben. Und dann war es still, nur das Meer sprach noch und der Mond schien noch gleich hell als in den Stunden zuvor. Und bevor sie schliesslich in der Haengematte mit einem „I love life“ Gefuehl einschlief, fluesterte ihr noch schnell der Wind ins Ohr, dass er morgen fuer sie zur Kitestunde wehen wuerde.

Writer: Angelika Sagorz
Land: 9433 – Österreich
Kategorie: Reisebericht

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1 Kommentar zu „Die Geschichte eines Vollherz-Maedchens“

  1. Alexandra sagt:

    Der Bericht ging voll-ins-herz, I loved it!

Surfhund

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