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Die gleiche Prozedur wie jeden Tag, Beto

von Matthi

Writer: Arne Knöchel

Writer: Arne Knöchel

Las Lajas, Panamá, 5.30 Uhr: “Didelideldi…TWIIIIIIIIIIIIEEEEEEET!!!!!! Oh Mann, dieser scheiß Talingo! Seit zwei Wochen weckt uns ein impertinenter, 5 cm großer Vogel  – in einer Lautstärke, bei der sich jede Nuklearexplosion voll Scham unterm Sofa verkrochen hätte.

Was soll`s, denke ich, mache die Augen auf und spähe aus der Hängematte die 50 Meter durch Palmen auf den Pazifik. Wie jeden Morgen bläst offshore-Wind über die Bucht von Las Lajas. Wie jeden Morgen haben wir Swell. Mal größer, mal kleiner. Heute solide vier bis fünf Fuß. Kacke! Wie jeden Morgen, seit ich vor einem Monat hier ankam. Wiedermal nicht den Hauch einer Chance, dass ich mich umdrehen und weiterschlafen kann. Ich wecke Beto, einen Panamenio, den ich am Strand kennengelernt habe und mit dem ich in einem halbfertigen Hostal wohne. „Beto, tenemos tubos.“ „Grummelbrummel“, lässt er aus seinem Zelt erklingen.

las lajas dschungel

Ich stehe auf, jage Penca, einen Strandhund, der sich bei uns eingenistet hat, nach unten und folge ihm. Schnell Kaffee aufsetzen, Ameisen aus dem Zucker sortieren, nochmal Beto anmeckern, dass er aufstehen soll. Während der Kaffee allmählich zum Sirup verdickt, wachse ich die Bretter. Wachsen ist vielleicht zu viel gesagt. Ich kratze vielmehr an einigen Stellen etwas Wachs ab und klebe es an anderen wieder ran. Um Wachs zu kaufen, müssten wir fünf Stunden mit dem Bus nach Panamà City fahren. Aber das macht ja keiner. Ab und an kriegen wir ein paar Klumpen geschenkt, oder benutzen eine Mischung aus Kerzenwachs, Honig und Sand. Da gibt’s allerdings immer wieder Ärger mit Brustwarzen und Ameisen.

Eine Viertelstunde später legen wir unsere Bretter ins Wasser. Ein traumhafter Moment. Alles fällt von mir ab. Im Line-Up begrüßen uns die obligatorischen Schwärme von Pelikanen, die in den Aufwinden der Wellen segeln. Mantarochenbabies präsentieren uns ihre tollkühnen Sprünge. Sie schaffen es nie ohne Bauchklatscher einzutauchen. Weit draußen blasen Wale auf dem Weg in die Arktis ihre Fontänen in die Luft. In Setpausen kann man unter Wasser ihre Gesänge hören. Dreht man den Kopf um 180°, sieht man einen endlosen Strand in einen Palmenwald mündend. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel.

In dieser Idylle sitzen wir beiden nun auf unseren Brettern, das Wasser hat recht angenehme 29°C – doch es herrscht Hektik! Wie immer seit einem Monat. Obwohl wir lediglich zu zweit, oder dritt (wenn Jorjä Vipero da ist) draußen sind, an einem 15 Kilometer langen Strand mit zahllosen Peaks. Aber egal, wie gemütlich es sein könnte, ich (Goofy) sitze so, dass ich inside zur Rechten bin, Beto (Regular) zur Linken. Immer. Dazu kommt, dass wir es allmählich raushaben im taktisch besten Moment die Leash vom anderen festzuhalten, oder wenn jemand dropt (und gedropt wird bei uns eher unselten), die Nase von seinem Brett anzuheben, auf sein Brett zu springen, oder gleich auf ihn. Aber wir sind ja eh den ganzen Tag auf dem Wasser und alle Wellen sind unsere. Da fällt das nicht so ins Gewicht.

las-lajas_strand

Gegen Mittag treibt die Thermik die Luft wieder Richtung Land und wir gehen mit ihr in die gleiche Richtung. Direkt am Wasser stehen Netze, aus denen wir uns ein paar Fische mopsen, sammeln eine Kokosnuss auf und pflücken ein paar Limetten – unser Mittagessen. Alles wird frittiert – typisch panamesisch. Hier wird wirklich alles frittiert. Die Nationalgerichte Panamás sind Hojaldres (frittierter Pizzateig), Pollo Frito (frittiertes Hühnchen) und Patacones (doppelt frittierte Kochbanane). Dazu gibt’s Reis und Bohnen, oder Bohnenreis, oder Reisbohnen mit frittiertem Reis.

Dann schnell am Brunnen das Salz von der Haut waschen, in die Hängematten legen, Beto bringt mir Spanisch bei, ich ihm Deutsch (fluchen und Anzüglichkeiten halt). Eine Stunde oder zwei Siesta halten, mittags kommt eh das Gewitter – und mit dem Unwetter kommen zwei völlig durchnässte deutsche Mädels (Kaya und Lucy) an, die auf der Karibikseite Panamás gehört haben, dass man bei uns gechillt surfen lernen kann. Wir erklären ihnen, dass wir kein Klo haben und man mit einem Stock und einer Flasche OFF-Mückenkiller an den Strand muss, wenn man muss. Dass wir keinen Strom, kein fließendes Wasser haben – außer einen Brunnen, dass der nächste Supermarkt 15 Kilometer entfernt ist und das Penca – obwohl er es nicht soll – nachts immer im ersten Sock bei uns schläft, Flöhe hat und schnarcht. Die beiden sind damit einverstanden.

Als das Gewitter wieder abzieht und Sonne, sowie Offshore hinterlässt, bringen wir ihnen ein Stündchen ein paar Basics in Schaumwalzen bei und schleppen sie dann zur Sunset-Session ins Line-Up. Als die Sonne sich ins Meer fallen lässt, kommt plötzlich dieses leuchtende Plankton zum Vorschein und jede Bewegung im Wasser sieht aus, als ob ich mit den Händen im Sternenhimmel rühre. Das war ja was. Mit den Worten „Nachts jagen die große Fische!“ macht Beto alles kaputt. Wir nehmen die letzte Welle und gehen nach Hause.

las lajas wellenreiten

Eingemuckelt in Hängematten und Schlafsäcken trinken wir vier im Kerzenschein ein halbes Gallönchen Abuelo mit Cola und Limetten. Der zweitbeste Rum in Zentralamerika. Nur Flor de Caña aus Nicaragua kann mehr. Die beiden Mädels, vollgepumpt mit Endorphinen, beschließen auf deutsch (sie denken, dass ich aus Panamá bin, da ich mit Beto nur spanisch und mit ihnen nur englisch spreche) wer von ihnen sich heute Abend wen von uns angelt. Ich übersetze Beto das ganze ins Spanische, wir lachen einmal herzlich und beschließen, das Gegenteil in Angriff zu nehmen. Es wird eine lange Nacht – aber unser Talingo kennt auch am nächsten Morgen keine Gnade.

Writer: Arne Knöchel
Land: 20257 – Deutschland
Kategorie: Reisebericht

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13 Kommentare zu „Die gleiche Prozedur wie jeden Tag, Beto“

  1. Kathrin sagt:

    Herrlich! Hab viel geschmunzelt, der Tag ist gerettet. Da bekommt man doch direkt wieder Lust auf Abenteuer, Reisen und natürlich Surfen. Klasse Bericht, sehr gut geschrieben!

  2. luna sagt:

    saustarker artikel – da will ich auch unbedingt mal hin :-)

  3. Christina sagt:

    aahh..will da auch hin, da bekommt man direkt wieder Lust..toller Artikel!

  4. marie-luise steffens sagt:

    super Bericht. Ich war auch in Las Llajas und kann nur bestätigen, dass es dort super ist. leider kein surfer, aber auch “wellenreiten” ohne brett (geht nur, wenn man auch plattdeutsch kann) ist super da. Alles andere stimmt.

  5. André sagt:

    Saugeil, saubekloppt, Saufernweh!

  6. Schlabinho sagt:

    Saugeiler Bericht. Am Wochenende buch’ ich ‘nen Flug!

  7. Ansgar sagt:

    mann arne, du bist wie karl may – erzählst hier tolle geschichten mit abenteuern und deinem kollegen hadschi halef beto dem edlen eingeborenen… und in wirklichkeit sitzt du seit vier jahren im knast!

  8. Monsen sagt:

    Hamma. Wo is mein Brett? Ich muss los! Geile Story, den Typ muss ich kennen lernen! Hat jemand die Telefonnummer?

  9. jm sagt:

    Sehr amüsanter Bericht, will da auch hin..allein wegen der abwechslungsreichen Nationalgerichte..und der Wellen. Top

  10. Rebecca Alvey sagt:

    Fantastic pictures. I miss this little Panamanian Gem .

  11. Magi sagt:

    oh, wie schön ist panama

  12. Euro sagt:

    Einfach nur herrlich.

  13. Julia sagt:

    Der Bericht erinnert mich ein wenig an die Wahrnehmung und Poetik Ernst Jünger`s “Das abenteuerliche Herz”! Jünger entwirft und erprobt in “Das abenteuerliche Herz” einen eigenen Stil der Anschauung und des Denkens, der die klare und scharfe Beobachtung mit der unbestimmten Empfänglichkeit des Träumers verbindet. Allerdings werden hier die Träume zur Wirklichkeit und damit nahbar und vor allem fühlbar.

    Auch wenn ich mich selbst dem Wassersport nicht sehr verbunden fühle, macht der Bericht Lust auf Mee(h)r…;)

Surfhund

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