Roti Reisebericht von Clara ZeisigIhre Werbung auf Surfhund

Nur die Welle zählt

von Matthi

Writer: Jeanette Fuchs

Writer: Jeanette Fuchs

Man sagt ‘Du bekommst deine erste Welle und nichts ist mehr wie zuvor’. Vor mir tost die schaumige Brandung, ‚Swell’ würde das der versierte Surfer nennen. Ich stecke in einer glatten Hülle aus Neopren, die den Wind von meiner Haut abhält und habe plötzlich eine klare Vorstellung, was dieser Satz bedeuten könnte.

Ich spüre die Kräfte des Atlantiks, die frische Meeresbrise peitscht in mein Gesicht und macht mir klar, dass das hier nicht die Adria ist. Hier ist die Brandung der Kämpfer, hier stellt man sich den Naturgewalten. Schwimmen, Sonnenschirmreihen? Fehlanzeige. Hinten in den Dünen haben wir unser Lager aufgebaut. Da liegen keine ausgebreiteten Strandtücher, höchstens ein paar achtlos in den Sand geworfene Rucksäcke, Zinkcreme und Surfwachs und der Erste-Hilfe-Beutel der Surfcrew. Erste Hilfe? Braucht man die? Ein Blick auf die Wellen, die sich breit und mächtig am Horizont aufbauen, geben die klare Antwort auf diese vorsichtige Frage. Es wird erzählt, erst letzte Woche hätte sich jemand mit der eigenen Finne fast den Kopf halbiert. Eine aufgeblasene Story, die im Camp seit Tagen herumgeistert, wahrscheinlich nur eine Platzwunde, aber nicht einmal die möchte ich haben.

Angst und Ehrfurcht machen sich breit, als der Ausläufer einer kalten Woge meine nackten Füße, die noch nichts ahnend im Sand stecken, umspült. Komischerweise denke ich an Kate Winslet und die sinkende Titanic. Ich mache drei oder vier Schritte, stehe nun bis zu den Knien im unruhigen Wasser. Ich spüre, wie es sich seinen Weg zwischen Neopren und Haut bahnt, ganz langsam von den Knöcheln nach oben und später auch die Arme entlang. Ein dünner salziger Film, der sich durch die eigene Körpertemperatur erwärmt und den Körper vor dem Auskühlen bewahren soll. Ohne Anzug geht hier keiner rein.

Ich gehe weiter, stehe jetzt fast bis zur Hüfte im Ozean, aufgewühlte Algen färben ihn beängstigend dunkel. Zwischen heranrollenden, schaumigen Wellen – Weißwasserwalze nennt sich das im Surfjargon, so viel weiß ich schon – sehe ich eine große, dunkle Dunstwolke am Horizont aufziehen, die das dreidimensionale Bild von Himmel und Meer verzerrt. Ich schwanke, verliere etwas das Gleichgewicht, meine Zehen tasten nach dem Untergrund. Ich konzentriere mich wieder auf mich, das Board und das, was unmittelbar um mich passiert.

Es ist Juni, so etwas wie Sommer in Portugal. Die Mischung aus rauhem Irland und einem Hauch Karibik hat etwas Skurriles. Ich frage mich, ob es vielleicht besser gewesen wäre, auf Hawaii oder Bali Wellenreiten zu lernen. In einer lässigen Surfshort würde ich mich wahrscheinlich gerade bei 30 Grad auf gemächlichen Wellen mit Badewassertemperatur auf einem Surfboard räkeln. Doch es hat mich nach Peniche verschlagen, ein Örtchen nördlich von Lissabon, von dem ich zuvor noch nie gehört habe, von dem unberührten Fleckchen namens Baleal noch viel weniger. Wer hier vorbeikommt, hat irgendetwas mit dem Surfen zu tun oder tut zumindest so als ob. Selbst die alte Frau aus dem Fischrestaurant trägt ein Ripcurl-Shirt und an der Wand prangt ein Poster von Kelly Slater und wer es wirklich ernst meint, lässt sich hier von Meister-Shaper Gero sein persönliches Board anfertigen. Haute Couture für den Ritt auf den Wellen.

wellensurfen

Die nächste Weißwasserwalze erfasst mich. Mein Gesicht ist nass, meine Haare auch und ich spüre, wie ein kleiner Salzwasserbach unter dem Anzug über den Hals hinunter zum Bauch läuft. Ich kann nicht beurteilen, ob mein Herz schneller oder langsamer schlägt als sonst, ich weiß nur, dass irgendetwas anders ist. Ich denke über nichts mehr nach, fast wie versteinert betrachte ich die feine Linie zwischen Himmel und Wasser, das Board schwimmt dicht neben mir auf der Oberfläche, die Leash bewegt sich im Wasser wie ein hyperaktiver Aal, der sich an meinem linken Knöchel festgebissen hat.

Im Geiste gehe ich die Schritte des Take-Offs durch. Der magische Moment, bei dem man sich vom Board erhebt und zumindest für Sekunden in eine andere Dimension übergeht, die Welt vergisst, abhebt und eine Überdosis Endorphine den Körper überschwemmt. ‚Stoked’ wie der Surfer sagt. ‚Wisst ihr was Surfen ist?’ hat Mikey, unser Surfcoach gefragt. ‚Paddeln. Paddeln und nochmals Paddeln. Ich werdet mehr Zeit mit dem Rauspaddeln verbringen als surfend auf einer Welle.’ Wir sitzen kreisförmig im Sand und schweigen. Will man das? Macht das überhaupt Spaß? Wie wär’s mit Tennis oder warum nicht Golfen? Mikey fährt fort: ‚Doch die vielleicht 15 oder, wenn ihr Glück habt, 20 Sekunden auf der Welle, ihr könnt es mir glauben, sind jede Mühe wert!’

Ok, wir haben es hier mit Vollblutsurfern zu tun. Typen, die sich für nichts anderes als Surfen interessieren, die Autos nur dazu haben, um ihre Boards artgerecht zu transportieren, alte Pick-up’s oder rostige VW-Busse. Ich gehe stark davon aus, dass der polierte Bentley, den ich letztes Jahr mit professionell aufgeschnallten Surfboards durch Manhattan Beach fahren sah, eine globale Ausnahme war. Ein echter Surfer lebt spartanisch, überall ist Sand, auf dem Boden, auf dem Sofa und im Bett (sagt man ;-) . Er läuft drei Jahre auf ein und denselben abgetretenen Flip-Flops und wäre er im Besitz eines Schrankes, würde man darin mehr Outfits aus Neopren als aus Baumwolle finden. Manchmal holt er sich einen neuen Kick, vielleicht beim Fallschirmspringen. Jegliches anderes Verlangen wird ausgeblendet. Keine Villa, keine Luxusgüter, keine Altersvorsorge. Er vergisst selbst die Frau seines Lebens für die eine Welle. Das ist kein Klischee, das ist ein Naturgesetz. Wer „The Surf“ von Daniel Duane gelesen hat, weiß das.

Langsam wird es ernst. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Mit Schwung ziehe ich mich auf mein Board und klammere mich daran fest. Ich bin angespannt und fühle mich ausgeliefert. Atlantik, sei nett zu mir! Paddeln, paddeln, paddeln. Ich fühle mich frei, vergesse mein gesamtes Leben, den Alltag, der nun weit hinter mir zu liegen scheint. Dabei fällt mir ein Satz aus dem Buch ein: ‚Es bedeutet zwar eine Erleichterung, das Leben zu entdecken, das man am liebsten leben will, aber man bekommt auch Angst, wenn man die Bedürfnisse der Seele erkennt – wie soll man sie dann noch verleugnen können?’

Der Atlantik macht es einem wahrhaft nicht leicht, das Line-up, die imaginäre Linie hinter den brechenden Wellen zu erreichen, schon gar nicht an einem Tag wie diesem. Es kostet mich Kraft und Überwindung, durch laute und unberechenbare Wassermassen, die in sich zusammenstürzen, hindurch zu tauchen. Unter Wasser habe ich das Trockentraining vor Augen, bei dem Mikey die Wirkung verschiedener Wellen mit Sandburgen und das Surfboard mit einem kaputten Muschelstück simulierte. Irgendwann sitze ich erschöpft und leicht zitternd auf meinem Board und überlege auf welche Weise ein Hai wohl meine baumelnden Beine im Wasser wahrnehmen könnte.

Ich bin stolz dass ich es bis hierher geschafft habe, aber Angst und Ehrfurcht sind hier draußen immer noch meine einzigen Begleiter. Unter mir spüre ich die Kraft großer, weitläufiger Wogen, die mich auf und abschaukeln. Mein Geist ist völlig frei und meine Gedanken fixieren sich auf die nächste heranrollende Welle, die die meine sein könnte. Ich könnte es schaffen, wenn ich den richtigen Moment nicht verpasse. Ich muss meine verbleibenden Kräfte bündeln und mich mit einem Schwung vom Brett abheben. Es muss schnell gehen. Sehr schnell. Es muss perfekt sein. Nichts als die Welle zählt, du darfst nicht gegen sie ankämpfen, du musst mit ihr atmen und eins mit ihr werden. Angespannt liege ich auf dem Board, die Ellenbogen an meine Rippen gepresst. Ich werfe einen letzten Blick zurück über meine Schulter und sehe, wie sie auf mich zukommt. Ich weiß, in weniger als 15 Sekunden ist nichts mehr wie es war.

Writer: Jeanette Fuchs
Land: 5020 – Österreich
Kategorie: Reisebericht

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10 Kommentare zu „Nur die Welle zählt“

  1. SAndra sagt:

    Coole story, geht richtig unter die haut beim Lesen…

  2. Jens sagt:

    Hey Jeanette,

    geil geschrieben…. da bekommt man ja Gänsehaut!

    Gruß aus Hamburg

  3. Isi sagt:

    da kriegt man lust auf wellen…..

  4. Bartl Werner sagt:

    Ich werde bald das Hamsterrad verlassen und Tag für Tag Surfen ;-)

  5. Andrea sagt:

    wow – ich muss surfen lernen. unbedingt! sehr coole story!!!

  6. Roy sagt:

    toller bericht !

  7. karin sagt:

    Hallo Jeanette , ….. DU schreibst einfach großartig …. ich bin begeistert …. B*! K !

  8. karin sagt:

    hallo Jeanette, gibt es eine Fortsetzung …(?) ich möchte auf der Stelle weiterlesen, weil ,weil , meine Begeisterung und die Faszination wie eine Welle über mich hereinbricht, obwohl ich weit entfernt bin von jeglichem Surfstrand …
    LG! K !

  9. Werner sagt:

    Übermorgen bin ich auf dem Wasser ;-) Dort finde ich den wahren Sinn des Lebens

  10. H. sagt:

    super geschrieben, geile story! hang loose!

Surfhund

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