Dana BeaniesInterview mit Carsten Kurmis

Sand im Fleisch

von Matthi

klara harden

rider: klara harden

Sand. Überall Sand. In Tränenflüssigkeit schwimmender, Hornhaut zerreibender, Lieder verklebender Sand. Trocken klirrend in den Ohren, hart in der Wunde zwischen den Zehen. Ein falscher Tritt, der Schritt, in, auf, der Stein und dann Blut. Warm und weich mit dem unverständlichen Geruch von Stahl floss es aus seinem Körper. Verklumpt war es jetzt, hart verschwärzt an den Rändern. Doch Sand hatte sich mit ihm vereint, glänzte klein, doch vielfach aus der wässrigen Mitte. Durchsichtig gelb, mit scharfen Kanten, kratzend an den offen liegenden Nervenenden. Diese wiederum, getreu ihrer Bestimmung folgend, meldeten jene schmerzend deutlich ans Hirn weiter. Sand. Ich hasse diesen Sand, dachte er bei sich und starrte weiter in die Nacht. Er war aufgewacht. Die Sterne hätten ihm gerne erzählt, wie spät es war, doch er verstand sie nicht. Er saß sinnlos in den Himmel starrend da und dachte über den Sand in und auf sich nach, welcher ihn aufgeweckt hatte, zerriss die kleinen, getrockneten Salzkreise auf seiner Haut, überraschte feine Kristalle auf den Haaren seines Unterarms mit seiner Zunge, und starrte weiter.

Ebbe hatte den glänzend nassen Stein freigelegt. In den kleinen Wasserbecken täuschten einige Krebse großes Leben vor. Anemonen, in sich selbst eingeschlossen, ignorierten träumend ihre Umwelt. Armlos, arglos festgesaugt warteten sie auf das Wasser. Herzlose Entenmuscheln fächerten großmütig, wie eitle Hofdamen, eilen dann aus Angst vor der tödlich trocknenden Luft in ihre perlweißen Schalen. Eine Krabbe zieht seitwärts. Zwei Beine fehlen. Der geknickte Fühler beschreibt verschachtelt den Hergang des Kampfes der verlorenen Liebe. Kleine, grüne, haltlos verlorene Lichter im weiten Dunkel erzählen von der nächtlichen Unruhe schlafloser Fischer.

Nacht. Ein luftloser Wind trug gleichmäßige Kälte über Dünen und Berge und brachte den Atem schon lange vergangenen Feuers herüber. Er überlegte, suchte nach Zündhölzern, fand sie, sah zur Feuerstelle und steckte sie enttäuscht wieder weg. Kein Feuerholz.
Ein kleines kratzendes Sandkorn bist du. Nur ein nörgelndes Jucken in dieser unnötig großen Welt, flüsterten die vom Wind getriebenen Sandkörner ihm ein. Und er glaubte ohne zu zweifeln. Das Mädchen neben ihm drehte sich unter der Decke. Ihre Träume hatten seine Feinde, der Sand und das kitzelnd trocknende Meersalz, noch nicht erreicht. Ihre Locken lagen ruhig auf der warm atmenden Haut. Er deckte ihre nackte Schulter zu, konnte nicht umhin, roch an ihrem Nacken. Er wusste um den weichen Geruch, wusste wie ihre Wimpern schlugen, wie sich ihre Haut unter seinen Fingern dehnte, wie ihre Hand sich in seinen Haaren festhielt. Die Abenddämmerung war gnädig mit ihnen gewesen, hatte mit ihrem kalten Seewind den Strand leer geräumt, verirrte Spaziergänger nach Hause geschickt und die feinen Haare ihres Halses in der untergehenden Sonne aufleuchten lassen.
Ein ungewolltes, gar nicht zu seiner Grübelei über Quarz passendes Lächeln konnte sich unbemerkt in seine Lippen grinsen. Das war es dann, was ihn aufstehen ließ. Die, um die Zeit wissenden Sterne, gaben ihm genug Licht für den Aufstieg in die bewaldeten, nach wilden Rosmarin und regenlosen Sommern riechenden Felsplatten über dem Strand.

surfing

Trockene, lose, harzige, an verkrümmte Schlangen erinnernde Äste brachte er von der Anhöhe zurück. Das Feuer roch nach dem Land, das darin verbrannte, dem von Trockenheit zerrissenen Holz, nach jahrzehnte alten Erinnerungen und dem Atem lang vergangener Jahre. Die Wärme gab ihm Zuversicht, doch sein unstetes Licht riss seine Gedanken wieder fort von dem Mädchen mit den tiefen Träumen in die Wüstenei seiner alten Gedanken. Brennend deutlich spürte er die Umrisse der Wunde, die langsam den Schmerz der Sandkörner im Wundwasser zu ersticken suchte.

Seit drei Tagen schlief er hier. Das Mädchen kannte er erst seit gestern.
Sie war es, die das Feuer gemacht hatte, ihn fragte, ob er wohl einen Tee möchte. „Schwarztee mit ein wenig Milch?“, fragte sie.
Sie hatte lustige Geschichten zu erzählen, in passablem English, und schrecklich ausgesprochenem Portugiesisch, über das sie selbst am meisten lachen musste. Er mochte sie von Anfang an, so wie sie war, allein hier am Strand, mit ein paar Decken und einem schlechten englischen Buch, das man ihr geschenkt hatte. Sie kauften silbrig zappelnde Sardinen von einem spät zurückkehrenden Fischer und das nach sonnenwarmem Holz riechende Brot am Markt. In dem kleinen Gasthaus, in dem sie um ein wenig Salz fragen wollten, bekamen sie vom grinsenden Wirt noch eine Flasche Rotwein und Bier, welches in den kalten Lachen zwischen den Steinen beschlug. „Tu sabes como fazer sardinhas assadas? Sim, sim. Sal. Sim. Mais nada? Nao posso, mas….gostes um vino tinto, menina? Sal e vino, linda, e serveca para ti!“ Er mochte sie wirklich. Und wusste, dass sie nicht lange bleiben würde. Dass sich ihre Leben nur kurz, zufällig trafen.

wellenreiten klara harden

„Hinunter zum Wasser, sonst werd ich……“ Er sprang auf, als wolle er mit dieser Bewegung seine Gedanken überraschen, ihre Trägheit ausnützen und ihnen so zu entkommen, lief hin zum Meer, wo sie ihn einholten. Die Form seiner Füße, sein Gewicht, der springende Schritt. Der Sand war beeindruckt, gab nach, sich hin und ließ die Spuren sich mit kaltem Wasser füllen. Das Meer schien schwarz, nur auf seinen Schaumkronen glänzend. Ruhig. Schon seit Tagen. Allein der Tidenwechsel konnten dem Meer kleine Wellen entlocken. Doch diese waren nicht mehr als eine vergilbte Erinnerung an das, was er suchte. Das Mädchen hatte gemeint, die Flut und Wellen würden bald kommen. Doch wann?

Das Meer wusste in diesem Augenblick nichts von seiner Ruhe an den Küsten Portugals. Ruhe war in seinem Wortschatz, wie auch in seiner Existenz, ein unmöglicher Zustand.

Wohlig räkelnd lag es sich in seinem Becken, wärmte sich an den, von namenlosen Getier umschwärmten Geysiren, beobachtete sorgvoll das knackende Verschieben der Platten, die wie Treibholz auf der Glut des Erdkerns dahin krochen, erinnerte sich wehmutsvoll an die Zeiten der sinnenden Meernixen, der beinlosen Verführungen der Strömungen, gedachte der Schiffbohrwürmer in den Hölzern gesunkener Schiffe, die in seinem nachtlosen Dunkel vor den Küsten Europas ihre herrschaftliche Form verloren, den ungeöffneten Rumflaschen in löchrigen Bäuchen alter Galeonen. Haltlos, maßlos verlor es Wasser an seinen sonnenbeschienen Oberflächen vor Amerika und wartete dürstend auf den prasselnden Regen des Golfstroms. Lächelnd blickte es auf den Kampf des Mittelmeeres gegen die zähen Ausdünstungen der Städte, mied jedoch feige den Gedanken an seine eigenen leckenden Bohrinseln und Wälder und Tiere der Urzeit, die nun von dünn-hartem Metallen ummantelt, in öligen Verbindungen wirr ineinander vermischt, auf seinem bewegten Gesicht vergängliche Furchen zogen, blickte mit nassen Augen auf den Kalk der Kontinente, der einst in seinen Tiefen geboren worden war und nun die Schönheit seiner filigranen Zartheit im keuchend- kauenden Druck der Tektonik verloren hatte. Schmerzhaft rissen Netze Schwärme silbern-gelb glänzender Fisch zum Sterben aus seinem endlosen Körper an die Luft. Weich strömte es durch die Kiemen unzähliger Tiere, blinkte im Licht fluoreszierender Wesen der taglosen Tiefe seiner Gräben. Ungläubig versuchte es die Maßlosigkeit seines Ausmaßes zu verstehen, räkelte sich dann, zufrieden über die Unzulänglichkeit seiner Phantasie, um Feuerland, beobachtete hungrig die herabfallenden Eisschollen der Antarktis und belustigte sich mit Zahlenspielereien über die, in diesem einen Augenblick sterbenden und gebärenden Tiere in seinen Wassern, verlor jedoch die Übersicht spätestens bei dem Gedanken an hemmungslos masturbierende Zwitterwesen, algenerntende Krebstierarmeen und massenlaichenden Nesseltieren. Interessiert untersuchte es die zerfallenen Skelette der in gestorbenen Sprachen von Maden im Schiffszwieback erzählenden Entdecker und Matrosen vor Cap Horn, welche in ihren lebendigeren Zeiten schon vom Skorbut zahn- und haarlos gefressen worden waren und von denen nun nur mehr böse Erinnerungen zwischen dem Tang übrig waren. Das stete Kribbeln des Planktons lenkte es ab und gab durch sein Verschwinden Auskunft über die Reise eines Blauwalrudels vor Grönland. Wie gewöhnlich ließ es sich von einem Borstenwurm im Hadopelagial in ein Gespräch über die Einsamkeit dieser Tiefen verwickeln. Das filternde Nesseln hungriger Entenmuscheln, das im Hintergrund knisterte, erinnerte es an deren versteckte Schönheit, an das glühende Rot ihrer Lippen, beruhigte ihn von einem kurzen Anfall von Bewegungslust, die laut brechend auf Südamerika klatschte, konnte ihn jedoch nicht ablenken von dem Gedanken etwas vergessen zu haben. In Erwartung einer Erkenntnis, blickte das Meer in den Himmel, erinnerte sich und vom Mond ermutigt wabbte es zurück in den ewigen Takt der Tide.

surfgeschichte

Er wiederum wusste nicht um die uralten Gedanken des Wassers, wusste jedoch um die verlogene, vorgetäuschte Friedfertigkeit der glatten Oberfläche des Pazifiks. Wusste und fürchtete die ewige Bewegung, das langsam zähe Strömen, das alles mit sich nimmt, es zur Bewegung zwingt, zerpresst an den harten Platten der Küste.

Langsam, dem Instinkt seines frierenden Körpers seinen Willen entgegen schreiend, stieg er hinein ins Schwarz. Bald verließen die Nerven seiner Haut die Nerven und vermählten sich mit der Taubheit der Glieder. Blut kochte in seiner Haut, Haarwurzeln versuchten verzweifelt Widerstand zu leisten. Hart gespannte Muskeln ließen seinen Körper marrionettenhaft erstarren. Plötzlich Wärme, die aus ihm heraus brach. Er wagte es, tauchte unter und öffnete die Augen. Einsamkeit, maßlose, grenzenlose Einsamkeit überrannte ihn. Kälte presste sich gegen seinen Schädel. Ließ das letzte Bisschen Optimismus, Zuversicht und Vertrauen aus seinem Körper flüchten. Eine unendliche Welt aus Schwarz hatte sich vor ihm aufgetan. Licht hatte hier keine Existenzrechte. Die Unendlichkeit selbst war ihm begegnet. Farblos, temperaturlos, leblos, eigenschaftslos. Umarmte, umschloss ihn.

klara harden surfen

Dann. Kam die Flut. Die Flut brach auf den Strand mit der Kraft aus tausenden und abertausenden Litern Wasser. Riss alles Leben im Meer mit sich, in die Welle, in den Schaum, zerprallte, zerstaubte, zerriss den Sand und riss ihn zurück in die Realität. Es lief, rannte, floss in einer Woge in sich zurück, in sein unendliches Becken, jetzt noch ohne Horizont, hält Ruhe, hält ein, steht still. Da reißt das Licht durchs Dunkel, prallt auf die Welt, auf das Wasser, das ruht, scheint, plötzlich, über alles. Wie ein Freudenschrei zerstäubt das zähe Schwarz der Nacht in ein klirrendes Weiß. Mächtig, wie schwerkraftlos, wie von einer unsichtbaren Hand geformt, wölbt sich das Wasser, wächst, aus dem Nichts, türmt sich auf und rast haltlos, gewaltig, rücksichtslos auf ihn zu, bricht über ihm, reißt ihn hinunter, drückt ihn gegen den Boden, nimmt ihm Luft und Wissen um Himmel und Erde, wirft ihn mit sich. Plötzliche Ruhe erweckt seine Lust nach Luft. Benommen reißt er sich an die Oberfläche, wühlt sich durch die nasse Masse. Steht auf, stürzt, entwindet sich den Krallen, wirft sich heraus aus dem schwarzen Ungeheuer. Er rennt, stürmt zu seinem Mädchen, küsst sie wach, hebt sie aus ihren Träumen an den jungfräulichen Tag.

Noch in den Träumen der Seeanemonen gefangen, erkannte sie seine Freude Anfangs nicht. Doch er zeigt ihr, was seine Muskeln spannt, seine Augen aufreißt, seinen Körper den verlorenen Schlaf für Nichtig erklärt, was ihn zum Lachen zwingt. Ein wunderschönes Set rollt herein. Ein helles Lachen hallt über den leeren Strand.

Brett, Leash, Wasser, Welle.

Schon vor der ersten Welle hatte er seinen treuen Begleiter, den Sand abgehängt, frei von Mensch und Welt, der Vergangenheit, der Zukunft, frei von Sekunden, Stunden, Minuten.
Frei ist er jetzt.

Writer: Klara Harden
Land: 8504 - Österreich
Kategorie: Offene Kategorie

Surfhund Writers Contest 09 SponsorenThe Chillhouse - SurfcampMission to Surf - SurfcampDana Beanie

Werbung

12 Kommentare zu „Sand im Fleisch“

  1. Elisabeth sagt:

    SUUUUUUUUUPER!!!!! Schön meibn Schwesterherz.

  2. mara sagt:

    oida!!! wie geil!
    nehmts euch die zeit und lests es durch!

    *zahlt sich aus*

  3. helpermonkey sagt:

    great stuff…nice story..

  4. AL sagt:

    einfach schön.

  5. Andi sagt:

    Kudos!!

  6. Carmen sagt:

    Toller Text…weiter so!

  7. mara sagt:

    klara du bist der oberwahnsinn :) ich bin ganz hin und weg! muss sie gleich nochmal lesen! die satz und wortkonstellationen sind der reinste freudentanz! jongliert da mit den wörtern rum, das pack ich ja gar nicht!

  8. jakob sagt:

    hossa… toll.
    nicht dass es mich irgendwie wundern würde, hehe.
    :)

  9. MaTH sagt:

    Wow stunning !!
    Die Quintessenz von dem ganzen ist wohl das wenn man surfen geht,
    den Alltag abschüttelt und sich dann nur noch auf die nächste Welle konzentriert xD

  10. Verena sagt:

    die arme Konkurrenz…
    …ich sag nur “knuspriges Brötchen”…hoff die sagt dass noch was!!!

  11. Belle sagt:

    wuhaaa…klara lässt die wörter fliegen :)

    gratuliere, nur weiter so!

  12. AFK sagt:

    Folgendes Szenario:
    Wir fahren am Freitag endlich wieder an den Atlantik und Deine Liebeserklärung hat sein Scherflein dazu beigetragen, dass ich jetzt richtig on fire bin.
    Danke und Ahoi
    a

Surfhund

Kommentieren

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.


Werbung
Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes