Surf, Ci(néma) and Sun
von Matthi

Writer: Nina Hortig
Wo Kino und Surfen auf einer Wellenlänge liegen
Wir hatten Lust auf Kino, auf einen richtig guten Film. Nicht diesen Hollywoodkitsch, der selten mehr als ein von der Zellulite bis zum Erfolg durch geliftetes Leben zeigte. Es sollte etwas sein, das einen 90 Minuten lang an den Kinositz fesselt, das einem das Popcorn am Gaumen festkleben lässt, das den Puls hochtreibt, die Tränendrüsen durchspült und zugleich das Hirn aktiviert. Der Plan für den kommenden Samstagabend stand also. Schnell das Nötigste zusammengepackt, Kaffeekanne aufgefüllt, Ölstand gecheckt. Der Tank war voll. Wenn wir um zwei Uhr morgens aufbrachen, sollten wir es locker bis zur Abendvorstellung des nächsten Tages schaffen. Zwischen uns und der nächsten Filmvorführung lagen 1.451 Kilometer.
“Die Straßen im Bayern3-Land sind spiegelglatt. Lassen Sie das Auto nach Möglichkeit stehen, und wenn es nicht anders geht, fahren Sie bitte mit äußerster Vorsicht.” – Nein, es geht nicht anders. Denn wir sind bereits 200 Kilometer von der Heimat entfernt und TomTom hat das Ziel fest im Visier. Dass es nicht nur spiegelglatt ist, sondern auch ziemlich stürmisch, ist selbst im Fahrzeuginneren kaum zu überhören. Der Verkehrsfunk verstummt bald unter dem lauten Geheul des Orkans, der bedrohlich an den Surfbrettern auf dem Dach rüttelt. “Surfbretter? Die wollten doch ins Kino”, schießt es nun sicher manch einem durch den Kopf. Contis ist eben nicht nur etwas für Cineasten.

80 Seelen leben in dem Dorf, das zur Gemeinde St. Julien En Born gehört. Die wiederum ist ein Teil des Landkreises Landes inmitten der beliebten Urlaubsregion Aquitaine, die sich im Westen des Landes südwärts am Atlantik entlang schlängelt. Allein für Strand und Meer bekannt, vielleicht noch für die berühmt-berüchtigte Foie Gras (Gänseleberpastete), die in Landes hergestellt wird, liegt das Örtchen auf halber Strecke zwischen Bordeaux und Biarritz. Ersteres ist bekannt für seinen Rotwein, letzteres kennen Wellenreiter als Europas Surfmekka. Allen anderen dürfte die Stadt mit dem zungenbrecherischen Namen als Sommerresidenz Napoléons III oder als Golfdestination ein Begriff sein. Contis dagegen liegt fernab von Wikipedia und irgendwelchen Städteinformationsseiten mitten im Nirgendwo. Dünen und Pinienwälder dominieren hier das Bild. Wer den Ort nicht auf dem Navigationssystem eingibt, wird ihn eher kaum von alleine finden.

Das erste Mal besuchte ich Contis vor fünf Jahren. Damals lernte ich Surfen, in einem Surfcamp. Ich fand einen Job, in diesem Surfcamp. Wochenlang lebte ich im Zelt, Sand und Piniennadeln als Mitbewohner, Tag für Tag Wellenrauschen als Soundtrack zu einem unbeschwerten, lediglich von Kochen und den Gezeiten bestimmtem Leben. Nacht für Nacht ein Schlaflied aus Grillengezirp im Ohr. Natur pur. Doch nach zwei Monaten naturgewaltiger Dauerdröhnung durchleidet irgendwann jeder einen so genannten “Camp-Koller”. Es dürstet einen förmlich nach Zivilisation, ein wenig gepflegter Unterhaltung, ein wenig Technik, einem Draht zur Außenwelt. Und plötzlich blinkt einem Contis auf der Karte rot entgegen. Dort gibt es neben Pinien, Düne, Meer und ein paar Restaurants auch das Kino, das neben einem außergewöhnlichen Filmprogramm mit bislang unentdeckten cineastischen Perlen, auch zwei Kaffeetischchen mit Internet-fähigen Rechnern anbietet.

Unser Draht zur Außenwelt ist bereits seit 14 Stunden gekappt. Die letzte Hörspielfolge “John Sinclair” endete bereits vor der Hälfte der Fahrtzeit, und seit drei Stunden ist der Gesprächsstoff ausgegangen. Macht nichts. Denn Rainer und Betty, Contis Kinobesitzer, sollten uns noch so einiges aus ihrem Leben erzählen. Doch als wir die einzige Hauptstraße des Ortes entlangfahren, wirkt Contis wie ausgestorben. Vor allem im Kino erwartet uns gähnende Leere. Lediglich ein Zettel an der Tür verrät, dass die beiden noch unterwegs sind, Filmrollen abholen. Wo? Das bleibt ihr Geheimnis. Ebenso wann sie gedenken zurückzukommen.

Die Surfbretter hatten ohnehin lange genug auf dem Dach gefroren. Noch sind die Temperaturen mild. Das kann sich in einem Winter, der diesmal selbst vor dieser sehr südlich gelegenen, schneearmen Gegend nicht Halt gemacht hat, schnell ändern. Die Sonne kämpft tapfer in einem unwirklichen Licht gegen die schwarzblauen Gewitterwolken an, die sich langsam, aber zielstrebig nähern. Doch Fünf-Millimeter-Neopren, Mütze, Handschuhe und Booties sperren die Kälte aus. Der Spot am Ende der “Hauptstraße” ist ebenso leer wie die Straßen. Gute Bedingungen also, wenn auch eine ziemliche Herausforderung. Neben der faszinierenden Urwüchsigkeit der Wälder berauscht in Contis vor allem der uneingeschränkte Blick auf den Atlantik, der in diesem Moment mindestens genauso “urwüchsig”, wild und ungezähmt auf den kilometerlangen Strand donnert. Der Swell wächst von Minute zu Minute. Doch das Paddeln hält warm.

Eineinhalb Stunden, fünf Schleudergänge und zwei perfekte Wellen später rollt ein weißer Citroen vors Kino und aus ihm drei riesige Filmrollen heraus. “Das ist derrrr Film fürrr (h)eute Abend”, begrüßt uns Rainer in fließendem Deutsch mit breitem französischen Akzent. Deutschland ließ der gebürtige Bonner schon vor Jahrzehnten hinter sich. Er wuchs im Senegal und in Frankreich auf. In Paris wechselte der gelernte Schreiner zum Theater, wo er unter anderem jene Bühnenbilder kreierte, vor denen Betty abends in ihre Rollen schlüpfte. Ein Bühnenbildner, der bereits mit Film- und Theatergrößen wie Hannah Schygulla zusammenarbeitete und eine Schauspielerin, die bereits für einen von Frankreichs größten Regisseuren, Michel Godart, vor der Kamera stand – Was zieht so jemanden aus dem kulturell bewegten Leben einer Weltstadt wie Paris in ein kulturelles Niemandsland wie Contis? “Es ist der Ort. Er ist einfach magisch”, sagt Betty. Durch Rainer lernte sie den Ort erst kennen. Der kennt das Kino seit seinem 13. Lebensjahr. “Ein Freund von mir wohnte in Contis, seine Eltern hatten ein Haus auf der Düne. In den Ferien kam ich ihn immer besuchen”, erzählt er. “Damals gab es noch keine Klimaanlage, also standen im Sommer die Türen des Kinos immer weit offen. Von außen sahen wir immer umsonst die Filme an.”
Es war damals wohl Liebe auf den ersten Blick, und sie hält bis heute an. Im Urlaub zog es Rainer und mit ihm irgendwann auch Betty immer wieder in den entlegenen Winkel Landes’. Im Jahre 1996 sollte der “Pendelei” endlich ein Ende gesetzt werden. Leo Dupis, der Gründer des Kinos und ein “für die Entwicklung des französischen Kinos sehr mächtiger Monsieur” stellte sein Kleinod zum Verkauf. Fünf Jahre dauerten die Verhandlungen mit dem damals bereits über 90-jährigen Kinobetreiber, bis er den Saal in Contis, der heute noch so aussieht wie in seinen Anfängen in den 50er-Jahren, an das Pariser Künstlerpaar übergab. Aber nur unter einer Bedingung: “Der neue Eigentümer musste das Kino weiter betreiben”, betont Rainer.
Zwei Monate nach der Eröffnung des Programmkinos unter neuer Leitung starb Leo Dupis. Sein Erbe halten Rainer und Betty bis heute am Leben. War es am Anfang auch wirtschaftlich schwer, das Kino überhaupt am Leben zu halten, so können sie es sich heute durchaus leisten, regelmäßig in die Großstädte dieser Welt zu pendeln, “um sich kulturell aufzutanken”, wie sie es nennen. “All diese frischen Ideen versuchen wir den Menschen hier in Landes zu vermitteln. Nur weil man inmitten und mit der Natur leben will, heißt das nicht, dass man auf Kultur verzichten will.” Davon wird heute dank Betty und Rainer auch in dieser einsamen Gegend einiges geboten. 1996 eröffneten sie das Kino mit einem Filmfestival. Seither findet jährlich Mitte September das “Festival International de Contis” statt. Dann kommen Regisseure, Schauspieler, Künstler und Musiker aus der ganzen Welt in den kleinen Ort, von dem es inzwischen heißt, das Kino sei sein Kopf.

Sie kommen, um dort in ungewöhnlicher Kulisse ihre Leidenschaft, den Film, zu feiern. Doch viele von ihnen entdecken dort eine neue Leidenschaft, und es ist nicht mehr nur der Film, der sie nach Contis zurückkehren lässt. “Das Herz von Contis ist nach wie vor der Strand. Auch wenn es keine dieser Modesurfstationen ist, ist Contis ein reiner Surferort. Alle Leute, die hier leben, zogen irgendwann hierher, weil sie surfen. Klar, die Wellen sind direkt vor der Haustür”, sagt Rainer. Viele Filmschaffende, die während des Filmfestivals erstmals mit der Surfkultur in Kontakt kamen, würden den Surfvirus so leicht nicht mehr auskurieren und im Urlaub regelmäßig wiederkommen. Einer von ihnen drehte sogar einen Surffilm in Contis. Mit “Les Vagues” inszenierte der junge Regisseur Frederic Carpentiers nicht nur seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, sondern auch den ersten Surffilm fürs Fernsehen. Der deutsch-französische Sender ARTE zeigte die romantische Liebesgeschichte, die in der Surfszene spielt, zur besten Sendezeit.
Und obwohl fernab der großen Theater und Cineplex-Zentren der Großstädte viel passiert, ist es ein täglicher Überlebenskampf. Allein die kulturellen Bedürfnisse der Einheimischen reichen bei weitem nicht aus, um den Traum von Rainer und Betty zu finanzieren. Seine Mittel verdient das Paar im Sommer, wenn es plötzlich mehrere tausend Menschen sind, die durch das Dorf bummeln. Doch es ist eine ungleiche Rechnung: “Alles Geld, das wir im Sommer verdienen, verlieren an jedem Tag, den wir im Winter aufmachen”, sagt Rainer nüchtern. Für ihn und Betty geht sie dennoch auf. “Da wir uns selbst finanzieren, haben wir vollkommene künstlerische Freiheit. Das Kino in Contis ist unsere Bühne, auf der wir zeigen, was wir wollen.”
Der Wunsch nach absoluter Freiheit, das ist es wohl auch, was Rainer und Betty am stärksten mit den Surfern in Contis verbindet, nur dass sie auf unterschiedlichen Bühnen stehen. “Wobei, ich war durchaus selbst schon vom Surfvirus befallen”, verrät Rainer zum Schluss. “Jeden Sommer, den ich hier verbrachte, war ich im Wasser, wenn ich nicht gerade an der Tür zum Kinosaal Filme guckte. Wir surften wie verrückt, als Surfen noch gar nicht so populär war. Wir surften auf Brettern, die waren so lang wie unsere Kaffeebar hier. Doch als die Bretter immer kleiner und unsere Bäuche immer dicker wurden, ging es nicht mehr so leicht”, sagt er und lacht.

An diesem Abend zeigen Betty und Rainer James Camerons Science-Fiction-Ethno-Abenteuer “Avatar”. Eindrucksvoll zieht Pandoras Zuckerwattenlandschaft auf der Leinwand an uns vorüber. Dann also doch eher Massen- als Programmkino, und sicher erscheint in dem rund 60 Jahre alten Saal das ein oder andere Detail vielleicht nicht ganz so aufsehenerregend wie in Münchens 3-D-Forumkinos. Doch schafft der Gedanke, dass zwar nicht Pandora, dafür aber eine reale unberührte, mindestens genauso besondere Landschaft direkt vor der Saaltür liegt, ihren ganz eigenen, speziellen Reiz. Gute Unterhaltung eben.
Writer: Nina Hortig
Land: 81675 - Deutschland
Kategorie: Offene Kategorie









(114 Stimmen, Durchschnitt: 3.61 von 5)

19. März 2010 um 01:47 Uhr
Excellent.
Note: 5 auf 5.
Weiterhin viel Erfolg!
Rainer
19. März 2010 um 01:50 Uhr
Excellent.
Note: 5 auf 5.
Weiterhin viel Erfolg für Writer Nina Hortig.
Rainer
25. März 2010 um 18:07 Uhr
Scheint ja ein langer Weg gewesen zu sein, der sich wohl gelohnt hat.
Lebendiger Beitrag. Wenn due Surfe wie die Schreibe ist …
vollle 5 Punkte!
7. April 2010 um 09:06 Uhr
Schön geschrieben. Wem der Strand und die Wellen am Herzen liegen, dem wird ein lebendiges Bild vor Augen projeziert!
Gruß Bettina und Andy
13. April 2010 um 15:34 Uhr
Ein Artikel, der einen träumen lässt, sehr unterhaltsam geschrieben. Volle 5 Punkte!
15. April 2010 um 10:32 Uhr
Ich war selbst schon des öfteren in Contis und auch im Kino dort und kann nur sagen…. Super Reisebericht!:)
25. Mai 2010 um 15:50 Uhr
Da kommt das Frankreich-Fieber wieder zurück…