Zwei oder drei Vögel
von Matthi
Irgendwann im Jahre 1817 ging der Pariser Schriftsteller Stendhal ob der überwältigenden Schönheit Florenz’ k.O. und schaffte es, in Psychologiebüchern unsterblich zu werden. „Psychosomatische Störungen […] im zeitlichen Zusammenhang mit einer kulturellen Reizüberflutung“[1] nennt man Stendhal-Syndrom. Quasi Welt 1, Mensch 0. So ist das eben, wenn Franz von Assisi einen Grundstein legt. Die Basilika Santa Croce. Michelangelo, Machiavelli, Rossini, Marconi und Galileo Galilei legten sich dazu. Der Franzmann torkelt also durch Firenze, ich mach das lieber in Bali.
Ich schwanke leicht, suche Halt an der neopren-ummantelten Bintang-Flasche, die mir Wayan eben in die Hand gedrückt hat. Übersetzt bedeutet sein Name „der/die Erstgeborene“ und wird traditionell an eben jene vergeben – daher die unzähligen Wayans auf der Insel der Geister und Dämonen. Individualität kommt mit dem Wachsen, und Wayan braucht keinen neuen Namen, Wayan ist Unternehmer. Abfällig: Wirt und Liegestuhl-Hai.
Träge beobachte ich den Ozean, bilde mir ein, irgendwo zwischen der Wolkendecke Java am Horizont zu erkennen. Und warte auf den Sonnenuntergang, ob er heute kommt. Denn hier hat der Himmel ein Nachsehen mit jenen, in denen alt-französische Dichterleiden weiterleben – und verwehrt mir allabendlich den Kitsch in purpur- bis orangerot, aus reiner Sorge um mein Wohlergehen.
Wayan hat seine Gäste versorgt und setzt sich zu mir. Es ist Freitag, Abreisetag. Bis die frischen Touristen ankommen, ist seine „Strandbar“ längst ein Stapel Holz unter einer Palme, um morgen zum Sonnenliege-Strohschirm-Paradies aufgebaut zu werden. Wayan kann Lieder von Multifunktionalität und noch viel mehr singen, begleitet von einer abgegriffen Gitarre, die vor hundert Jahren den Kampf um einem Platz im Flugzeug gegen ein günstiges Surfboard verloren hat, und seitdem ihre Tage an einem rostigen Nagel verbringt. Und abends ist sie Jukebox, spielt, was auch immer verschiedenste Finger ihr sagen, letztlich aber stets Wayans Interpretationen einer Legende aus Kingston. Hat sich Marcus Garvey deswegen selbst zum Präsidenten von Afrika ernannt? Moment. Immer noch Bali. Fast vergessen.

Die Wolken ziehen weiter nach Nordwesten und ich kann wieder die Sonne sehen. Madé schlendert vorbei, erkennt mich und zeichnet sogleich formschöne Kreise mit ihren kräftigen Fingern in die Luft. Ich lächle und schüttle den Kopf. Heute nicht, heute will ich jeden Millimeter Erschöpfung in meinem Körper genießen. Sie nimmt es mir nicht übel, weiß, dass ich noch lange hier sein werde und die anderen Masseusen wissen bereits, zu wem ich gehöre.
Die letzten Strahlen leihen den Wellen ihre goldgelbe Farbe. Das Meer ist jetzt ruhig, als hätten es meine Rides genauso befriedigt wie mich. Und wie Madé weiß es, dass ich bleibe. Es morgens mit einem Surfboard und einem Grinsen begrüße. Von ihm lerne, mit ihm lebe. In einer nahezu perfekten Symbiose, irgendwo zwischen Emotionen und Können. Jetzt. Hier. Immer.
Wayan entlockt seiner Gitarre ein paar außergewöhnlich schräge Töne und grinst mich an. Die Sonne beschließt, sich hinter zugezogenen Wolkenvorhängen schlafen zu legen. Vertraute Melodien schweben durch die Nacht, in der Ferne kann man das eigentümlich harmonische Jaulen der Flughunde hören, und Wayan singt einfach mit. „Two little birds sit by my doorstep…“ Von den Touristen auf der Nebensonnenliege kommt empörtes Gelächter. Er gibt die Gitarre lächelnd weiter. Sollen sich andere an korrekten Versionen versuchen, dann eben ein Bintang mit mir. Auch so macht man aus zwei Vögeln drei.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Stendhal-Syndrom; muss als Quelle auch mal reichen

„Gute Wellen heute, alit.“ Er prostet mir zu, lacht und ist glücklich. Ich nicke träge und verkneife mir ein Schmunzeln. Wayan, mit den Boardshorts, die stets die oberen drei Zentimeter seines Hinterteils freigeben. Wayan, mit den acht Surfboards, die er für eine Summe zwischen zwei und dreißig Euro pro Tag verleiht. Wayan, der jeden Morgen den Wave Report per SMS auf sein Nokia gesendet bekommt. Wayan, der an einem der schönsten Surfspots der Welt lebt. Wayan, mit seinen Philosophien über das Leben, den Ozean und wie alles zusammenhängt. Wayan kann nicht schwimmen.
Writer: Davinia Stimson
Land: 1090 – Österreich
Kategorie: Offene Kategorie









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