Zwischen Himmel und Hölle
von Matthi

Writer: Denis Weis
Eigentlich gebe ich nicht viel auf Traditionen. Aber irgendwie ist es zu einer Institution geworden, dass ein lustiges Völkchen von Sportstudenten aus der Tiefe des europäischen Kontinents sich auf macht, um über die Pfingsttage die ein oder andere Welle nicht ungeritten an die baskische Küste schwappen zu lassen. Ja, man könnte fast von einer „Pilgerfahrt“ sprechen – nur ohne den ganzen Weihrauch und dem lästigen Kreuz auf dem Rücken oder barfuss mit einem verschlissenen Büßerhemd am Leib. Gebete werden natürlich zu Tausenden an Huey gerichtet mit der Bitte um günstige Winde und entsprechende Wasserbewegungen.
Bei Pilgerfahrten liegt eines der Teilziele neben dem Erreichen des Pilgerorts ja darin die Strecke möglichst authentisch zu bewältigen, so wie es die ersten Pilger taten.
Auch wenn die diesjährige Fahrt zu diesem gebennedeiten Ort, dessen Kirche als Wahrzeichen in der Surfgemeinde wohl schon Weltrum genießt, nicht ganz der Route der ersten entsprach, so gab es für den ein oder anderen doch ein Déjà-vu der ganz besonderen Art.
Damals, als wir alle noch am Anfang unseres Studiums standen, der Stundenplan vollgestopft mit Freizeit und kaum Zeit zum lernen zwischen den ganzen Semesterferien, entschieden wir uns zum ersten mal die Suche nach dem heiligen Gral des Surfens aufzunehmen.
Ein Mitglied unserer Kumpanei nennen wir ihn mal Montana M. stellte schon Wochen im Voraus in Aussicht einen Bulli über seine Verwandtschaft klar zu machen. Die Wochen verstrichen, jeder wurde täglich heißer auf 3 ½ Wochen Road Trip`n. Alle waren quasi in der Vorbereitungsphase: Zeltorganisieren, Kochgeschirr zusammen schnorren, Hängematte einrollen. Ausschließlich Mr. Montana ließ bei Anfragen stets verlauten: „Ach ja, wegen dem Bus muss ich noch fragen“.
Der Tag des Aufbruchs kam und die schier unendliche Vorfreude wich eiskalter Ernüchterung, denn man saß auf Bergen von Gepäck, aber das gepriesene Vehikel blieb aus.
Letztendlich gelang es nur einem Sondereinsatzkommando aus dem Land des Lächelns eine Massenpanik zu verhindern. Ein Knabe mit der Perspektive 16:9 (wie er selber einst zu sagen pflegte ( nicht allein wegen seiner asiatischen Abstammung sondern auch seiner Profession beim Film als Kamera-Assi)) bei dessen Namen man noch nach Jahren an der Richtigkeit der Aussprache zweifelt, war in der Lage Plünderungen und Brandschatzungen der familiären Güter des besagten Montana M. Einhalt zu gebieten.
Von wem auch immer er geschickt wurde er sorgte nicht nur für das benötigte Transportmittel, zwar auch von Volkswagen aber „leider nur“ Golf 2, durch ihn kamen wir auch an genügend Räucherstäbchen für unseren Gebetsschrein und höllenscharfe Asia-Tütensuppen.
Heute sind alle in ihrem Studium ein gutes Stück weiter. Pfingsten rückt näher und vielleicht bietet sich dieses Mal die letzte Möglichkeit noch einmal alle zusammen auf die Straße zu bekommen, um unvergessliche Surfsessions abzuhalten. Gerade in dieser Situation stellt sich der berühmte Transportengpass ein, aber zum Glück haben wir ja unseren Spezialisten Mr. Montana M., um uns ins gesegnete Land zu geleiten.
Diesmal plant er schon vor dem Jahreswechsel mit dem Kauf eines Busses oder gar Wohnmobils ins Speditionsbusiness speziell zur Personenbeförderung einzusteigen. Ein für Weihnachten geplanter Trip musste leider spontan abgesagt werden, wer will schon im Winter mit dem Gokart nach Holland strampeln, aber bis Pfingsten war da ja noch unendlich viel Zeit einen geeigneten fahrbaren Untersatz im Gebrauchtwagen Jungel aufzutreiben.
Der langen Rede kurzer Sinn. Der Abreisetag steht vor der Tür, nur mal wieder kein Auto. Die Hilfe aus dem fernen Osten scheint abermals zum Greifen nah stellt sich aber diesmal als die falsche Perspektive heraus.
Ein jeder kann sich bestimmt vorstellen wie das ist, wenn einem auf einmal klar wird, dass das Meer in immer weitere Ferne rückt obwohl man ihm noch keinen Meter näher gekommen ist. Also müssen die Gebetsmühlen schon frühzeitig angeworfen werden um die Götter zu besänftigen. Nur durch tiefe Meditation kann nun noch ein Ausweg gefunden werden. Montana M. himself hat den Einfall den bescheidenen Ford Escord Kombi eines Kumpadres, der erst verspätet zu uns stoßen möchte, für fünf Personen plus Stuf zu chartern und den Eigner via Billigairline einzufliegen. Eigene Recherchen ergeben, dass der entsprechende Flug aufgrund der Kürze der Zeit nur lausige 230 Lappen kosten soll. Da die Meisterleistung der Automobilindustrie aber schon voll besetzt ist bedeutet das auch noch einen Rückflug zum Zeitpunkt der Nachforschungen mit 139 € bemessen. Kurzum schon abgesehen von den Viehtransport ähnlichen Bedingungen ist die Lösung nicht akzeptabel.
Weitere Visionen gehen bis hin zur Anmietung eines Wohmos. Im Lauf der Zeit strebt das Maß der Verzweiflung gegen unendlich, sogar eine Fahrt mit der Bahn wird in Erwägung gezogen. Als sich schon fast jeder einen ordentlichen Scheitel gezogen, die Hände gewaschen und den Konfirmationsanzug angezogen hat, um auf einer langen Trampsession auch fleißig mitgenommen zu werden, keimt aus den unendlichen Weiten eines Gehirns Hoffnung.
Einst hatte ich einen Deal mit meiner Mutter gemacht. Vor einiger Zeit war sie in Besitz eines quietschgelben T4 namens „Offo“. Der sollte mir nur zur Verfügung gestellt werden, wenn in der Zeit des Gebrauchs fahrbarer Ersatz bereit gestellt würde. Und so sollte der neue Plan funktionieren. Die Familien Kutsche eines Mitstreiters, seiner Bowlingqualitäten zufolge nennen wir ihn mal den Dude, ist ein ebenbürtiger T4 nur ohne Namen (sein Vorgänger hieß Friedolin (sind das seltsame Menschen die ihren Autos Namen geben)). Nun gilt es in Erfahrung zu bringen, welche Luxusausführung eines gemütlichen Kleinwagens es bedürfe, um diese Gazelle der Landstraße von dessen Eltern für ein paar Wochen frei zu kaufen. Aber woher soll man dieses Fahrzeug nehmen. Abermals wird das ehrwürdige Orakel „www.“ Befragt. Doch das Urteil der Priester Avis, und Europcar ist vernichtend, die Rune, die sie geworfen haben, zeigen viele, viele Euros.
Nachdem meine Mutter für die Idee herhalten musste, kommt nun mein Vater ins Spiel oder besser sein Angestellter. Die Jungs sind schwarze Männer (Und wenn er kommt dann laufen wir!) bekannt auch als Schornsteinfeger. Da mein Vater die administrativen Aufgaben dieser Berufsgattung ausübt, hat sein „Geselle“ ein Dienstfahrzeug, um lauter leichtbekleidete mittelhessische Schönheiten, ihreszeichens Hausfrauen, aufzusuchen und deren Kamine zu kehren. Mit diesem arbeitsamen Mann pflege ich seit kurzem ein gutes Verhältnis und da es sich ja eigentlich um ein Fahrzeug aus dem Besitz meiner Sippe handelt, muss er nur eine Ausweichmöglichkeit sehen ein paar Tage auf sein Fahrzeug zu verzichten. Tatsächlich wird uns seine Gnade und die seiner Frau zu Teil, die für uns auf ihr tägliches Einkaufsauto verzichtet. Gesegnet sei der heilige St.Florian, Schutzpatron der Schornsteinfeger und der Feuerwehr.
Daraufhin schlägt das Herz schneller und der Endorphinhaushalt gerät vollkommen aus den Fugen. Der Plan, wie vorgesehen noch am selben Abend das Land zu verlassen scheint nicht mehr unmöglich. Nun stellt sich noch die Frage, ob die Eltern des „Dude“ diesen Wagen akzeptieren werden, welcher natürlich noch durch ein hohes Maß an Zuwendung von seinen Gebrauchsspuren und Ruß befreit werden muss.
Bei der Durchgabe des Fahrzeugtyps am Telefon schlackern die Knie und abermals wird theologische Expresspost gen Himmel gesandt. Diese rechtschaffenden Leute akzeptieren den Tausch ihres stattlichen Goliat gegen einen sich im Verhältnis noch im Säuglingsalter befindlichen David. Volkswagen T4 Multivan gegen einen FIAT Chinqueccento, dem Nachfolger des ultimativen FIAT 500, in dem sich schon zu Uhrzeiten junge rastlose Entdecker mit Vmax=47 über den Brenner gequält haben.
Alle werden darüber informiert, dass das Jüngste-Gericht noch einmal an uns vorübergezogen ist. Der Belzebub hat sich an uns die Hörner abgestoßen. Also darf doch das Geraffel zusammen gesucht werden und der Aufbruch rückt in greifbare Nähe. Jetzt nur noch den italienischen Hartkäsehobel abholen um den Kuhhandel abzuschließen. Als ich eintreffe ist das Fahrzeug schon entladen und reisefertig. Bei der Besichtigung machen mir einige Flecken auf den Sitzpolstern etwas Sorgen aber Tuba Polsterreiniger wird es schon richten. Als ich mich auf den Bock schwinge wird klar, dass doch keiner von uns zum Exorzisten taugt, denn wieder mal steckt der Teufel im Detail. Der Fahrersitz welcher eben noch 1A aufrecht stand, ist ab der Hälfte der Rückenlehne fein säuberlich abgeknickt. Und so fühle ich mich eine zehntel Sekunde später auch. Der sitz ist in der Mitte gebrochen. In meinem Kopf – wo bis eben noch Wellen in dreier oder vierer Sets und vergleichbarer Größe auf mich zu rollten – entsteht eine Leere so Groß wie die heiligen Hallen des Peter-Doms. Die Kiste mutiert innerhalb von Sekunden vom Propheten zum Judas und als Dankeschön wird mir gewiss keine Taufe bevorstehen, eher eine Beschneidung mit rostiger Klinge. Mal ehrlich: Wer gibt schon seinen geräumigen Kleinbus für einen Fliegenschiss her, der nicht mal mehr verkehrssicher ist? Zumindest kein Familienoberhaupt, das auch nur einen Funken Verantwortungsbewusstsein hat.
Ich weiß nicht welcher Drogencocktail einen solchen Höllentrip verursachen kann aber hätte Kalle Marx in unserer Zeit gelebt sein bekannter Satz wäre ungefähr so ausgefallen: „Religion ist THC, LSD, Speed,
, „H“, Crack,…Opium für das Volk und das Nirvana erreicht man nur durch die Kombination von Psylos mit Stechapfel in Verbindung mit Meskalin, nicht von Pappe.
Inzwischen ist es Abend geworden Werkstätten haben keine mehr offen und einen neuen Sitz bekommt man bestimmt nicht innerhalb von 24 Stunden. Vor allem dann nicht, wenn der folgende Tag ein kirchlicher Feiertag ist, genauer gesagt Christi Himmelfahrt. Abgesehen davon könnte der eine Sitz bestimmt den Kosten eines Hin- und Rücktransfers via Airline wie schon angedacht Konkurrenz machen.
Kann man den Sitz nicht irgendwie reparieren ? Mit Tränen in den Augen und der Vitalfunktion eines Igels im Winterschlaf stelle ich meinem Onkel diese Frage. Zu seiner Sturm und Drang Zeit war ein Scirocco sein persönliches goldenes Kalb, in das er viel Zeit und Geld investiert hatte. Er kennt sich mit Autos aus. Möglicherweise kann man den Hocker mit einer Aluprofilleiste schienen. So´n Zeug hat er eigentlich immer zur Hand, denn die Zeit, die er früher zum Aufmotzen der Kiste genutzt hat steckt er heute in den Ausbau seiner Hütte. Würde er nicht auf ökologisch wertvolle Energiequellen abfahren er hätte bestimmt seinen eigenen Reaktor.
Der Weg ist nicht weit, denn er wohnt im Nachbarort. Um die Heilungschancen zu bewerten hole ich mir sofort Werkzeug und Baue den Sitz aus. Gleich darauf beginne ich einen Kampf mit den Polstern auszutragen damit der Metallrahmen des Sitzes zum Vorschein kommt. Ich weiß nicht wie oft ich an diesem Tag schon feuchte Hände vom Angstschweiß hatte, aber der scheint mir nicht auszugehen im Gegensatz zu meiner Geduld. Der Rahmen ist komplett durchgebrochen und sieht übel aus. Wie verdammt noch mal sollen wir das richten ? Innovatives Denken ist von mir zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zu verlangen.
Die folgende Anweisung nehme ich mit Verblüffung entgegen: „In der Garage ist das Schweißgerät. Ich brauche die Schweißmaske und Elektroden findest du alles im Werkzeugschrank.“ Gesagt getan, nach etwa einer halben Stunde ist der Rahmen wie neu und mein Önkelchen kommt sogar noch pünktlich auf die Grillparty, zu der er eingeladen ist. Ich glaube, ihm ist nicht bewusst, wie sehr er mir geholfen hat an der Inquisition vorbei zu kommen. Sollte trotz Frauenquote die Stelle von Mutter Theresa neu besetzt werden, wäre er der richtige Mann für den Job.
Nun kann uns nichts mehr aufhalten. Nach einem kurzen Zwischenstopp um die Herzdame aufzulesen geht’s dann endlich los. Erst mal in Richtung Düsseldorf, um die Flitsche in ein echtes Reisemobil umzumünzen. Die Info, dass die Schweißnähte am Fahrersitz quasi noch heiß sind, fällt bei der Übergabe seltsamerweise unter den Tisch. Und dann, etwa 0.10 Uhr geht es endlich los! Um die Niederlage zu verkraften bleibt Mephisto nun nur noch die Lektüre des Faust um sich früherer Glanztaten zu besinnen.
Etwa 21 Stunden später befindet sich eine fünf Personen und sieben Bretter starke Reisegruppe von „Landeiern“ am Ort ihrer Träume. Zur Freude aller ist doch auch tatsächlich ein Überbleibsel des letzten Swells am Strand des spanischen Baskenlandes anzutreffen der uns bereitwillig den ein oder anderen Wellenritt feilbietet. Obwohl es schon 21 Uhr ist und jeder von der Fahrt ziemlich durchgenudelt, bekommen alle sofort glasige Augen und das Gehirn schaltet auf Standby. Wenige Sekunden später gleicht die eben noch so freundlich anmutende Reisegruppe einem Latexfetischclub auf Vereinsfahrt. Ausschließlich die Freundin des berüchtigten Montana M., selbst zum ersten mal mit von der Partie (am Ende auf Grund ihrer Leistungen zum „Rookie of the year“ gewählt) , ist von dem plötzlichen Sinneswandel schockiert. Möchte sie doch lieber „erst mal ankommen“. Doch die Bedingungen sind perfekt. Schöne saubere Lines nähern sich vom Horizont und brechen gemütlich etwa Schulter hoch. Natürlich bleibt der Primespot an diesem Abend in den Händen der Locals. Dies wird sich in zweieinhalb Wochen ändern. Denn, sind wir mal ehrlich: Respekt vor den Jungs, keine Frage, aber ich reiß mir doch nicht so den Arsch auf, hebe die halbe Welt aus den Angeln um dann den gesamten Urlaub immer nur die B-Welle zu reiten. Natürlich ist ein jeder sauer, wenn ihm am heimischen Strand so ein Vollidiot in die wohlverdiente Feierabendwelle reineiert. Aber genau so wie sich ein jeder Traveler in Zurückhaltung üben muss, sollten auch Locals eines Tages in der Lage sein zu verstehen, dass auf diesem Erdenrund Menschen wandeln, die nicht am Meer aufgewachsen sind und trotzdem von dieser königlichsten aller Sportarten gefesselt sind.
Aber irgendwie gibt es keinen wirklichen Grund sich zu beschweren denn, man glaubt es kaum, in diesem schönen Land sind die Einheimischen sehr freundlich und es passiert selten, dass jemand aus einer Welle gebrüllt wird. Abgesehen von denen, die es wagen mit all zu minimalen Fähigkeiten an einem besonderen Tag in den Beliebtesten aller linksbrechenden Rivermouthbrakes Europas zu paddeln.
Es scheint als hätten wir das ganze Jahr brav unsere Teller leer gegessen und keusch nach dem Zölibat gelebt, denn die Tage sind einer nach dem anderen perfekt. Wetter und Wellen spielen gut zusammen. Das Gute hat mal wieder gesiegt, oder ?
Nicht ganz, Satan hat mich schon am zweiten Tag heimgesucht und ich bezahle den Preis für die offene Rechnung mit ihm. Nach einem unglücklichen Rückzieher von einem viel zu späten Takeoff (die Welle hat mich doch erwischt) war mein Brett fällig. Das Tail macht Bekanntschaft mit meinem allzu harten Schienbein. Er bricht links entlang des Stringers, mindestens zehn Zentimeter tief und steht im rechten Winkel als neuartiges Finnensystem nach unten ab. Die Umgebung ist ja bekannt für seine Linkswelle, hab ich eben eine zusätzliche Trimmung in die richtige Richtung…
Mein einziger Trost ist, dass es von den heilenden Händen seines Schöpfers wiederbelebt wird.
Aber: Alles in allem ein fairer Preis – Denn wer strapaziert nicht gern sämtliches Equipment und seine Nerven anstatt die geplanten Ferien in good old Allemania zu verbringen.
Writer: Denis Weis
Land: 51069 - Deutschland
Kategorie: Reisebericht












29. Januar 2010 um 12:26 Uhr
Krasse Story,
ließt sich als wenn es auf einemTrip geschrieben wurde… ein Trip auf einer guten alten chemischen Droge…aber who cares …. das Ergebniss ist super *****